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Band I (1990)Spalten 182-184 Autor: Friedrich Wilhelm Bautz

ANSELM von Canterbury, der Vater der Scholastik, * 1033 zu Aosta in der Landschaft Piemont im westlichen Oberitalien als Sohn des Grafen Gundulf, der einer burgundischen Adelsfamilie angehörte, † 21.4. 1109 in Canterbury. - A. wäre schon als Knabe gern in ein Kloster eingetreten; aber sein Vater gab dazu nicht die Einwilligung. Er wurde weltlichen Sinnes, entzweite sich mit seinem Vater und kam nach dreijährigem Umherschweifen in Burgund und Frankreich um 1059 in das Benediktinerkloster Bec in der Normandie, wo er sich unter Lanfrank aus Pavia mit Eifer den Wissenschaften widmete. Statt die ihm durch den Tod seines Vaters zugefallene Grafschaft zu übernehmen, wurde A. 1060 Mönch und 1063 Prior. Er zeichnete sich aus durch asketische Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und große Lehrgabe, war aber auch ein vortrefflicher Seelsorger. A. wurde 1078 Abt von Bec und 1093 von Wilhelm II. zum Erzbischof von Canterbury berufen, folgte aber dem Ruf erst nach langem Zögern. Er kämpfte für die Freiheit der Kirche gegen die weltliche Gewalt und zog sich dadurch die Ungnade Wilhelms II. zu. Als A. 1097 gegen den Willen des Königs nach Rom reiste, um vom Papst genauere Verhaltungsvorschriften einzuholen, wurde er von Wilhelm II. verbannt. Weder bei Urban II. noch bei seinem Nachfolger, Paschalis II., fand er tatkräftige Unterstützung gegen den König. Nach dem Tod Wilhelms II. wurde A. von seinem Nachfolger, Heinrich I., zur Rückkehr in sein Bistum aufgefordert. Da 1095 auf der Synode von Clermont die Laieninvestitur und die Ablegung des Lehnseides durch Geistliche verboten war, verweigerte A. dem König den Lehnseid, so daß nun der englische Investiturstreit ausbrach. A. zog 1103 nach Rom, um dort die Streitfrage zu klären, mußte aber, da Heinrich I. ihm die Rückkehr in sein Bistum nicht gestattete, sich in Italien und Frankreich aufhalten, bis 1106 der Streit damit endete, daß der König im Vertrag von Bec auf die Investitur mit Ring und Stab verzichtete und Paschalis II. sich damit einverstanden erklärte, daß der Bischof vor seiner Weihe dem König den Lehnseid leistete. A. kehrte nach England zurück und lebte nun in bestem Einvernehmen mit Heinrich I., der ihn 1108 vor seiner Reise in die Normandie zum Reichsverweser bestellte. - A. ist der Bahnbrecher der Scholastik, der mittelalterlichen Theologie, deren Bemühen es war, das kirchliche Dogma durch logisch-dialektische Beweise verständlich zu machen und vor dem Verstand zu rechtfertigen. Das Dogma erkennt er als unantastbare Wahrheit an; er will seine Denknotwendigkeit aufzeigen. Der Ausgangspunkt seines theologischen Denkens ist der Satz: »Credo, ut intelligam.« »Ich glaube, damit ich erkenne.« Bekannt ist A. durch seinen ontologischen Gottesbeweis, den er in seiner Schrift »Proslogium« darlegt: Gott ist das vollkommenste Wesen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Es muß aber auch sein, sonst wäre es nicht das höchste Wesen; die Existenz gehört zu seiner Vollkommenheit. Nicht nur das Dasein Gottes, auch die Notwendigkeit seiner Menschwerdung zur Errettung des Menschengeschlechts glaubt A. in seiner berühmten Schrift »Cur Deus homo« = »Warum Gott Mensch wurde« mit zwingenden Vernunft-gründen beweisen zu können. Gott hat als der Herr der Welt Anspruch auf Gehorsam. Adam übertrat das göttliche Gebot. Gottes Gerechtigkeit verlangt für die Beleidigung seiner Ehre entweder die Bestrafung des Sünders oder eine von ihm zu leistende Genugtuung. Gott entschied sich für die Forderung einer Satisfaktion; denn seine Liebe läßt die Bestrafung des Sünders nicht zu, weil durch sie die ganze Menschheit verdammt würde. Infolge der Erbsünde sind wir alle Gott gegenüber zu einer Genugtuung verpflichtet, die wir aber nicht dadurch leisten, daß wir seine Gebote befolgen, wozu wir ja ohnehin verpflichtet sind. Sie muß in einer Leistung bestehen, die darüber hinausgeht. »Nondum considerasti, quanti ponderis sit peccatum!« »Du hast noch nicht bedacht, welches Gewicht die Sünde hat!« Wir können die geforderte Satisfaktion nicht leisten: dazu ist nur einer imstande, der zugleich Gott und Mensch ist. Darum mußte Gott Mensch werden. Der völlige Gehorsam des Gottmenschen in seinem Erdenleben hat keine genugtuende Bedeutung; denn er war ja wie jedes andere vernünftige Wesen Gott Gehorsam schuldig. Aber Christus gab freiwillig sein Leben in den Tod, der keine Strafe für die Sünde war. Das war eine überpflichtige Leistung, die Gott. weil er gerecht ist, belohnen mußte. Der Lohn besteht in der Übertragung des Verdienstes Christi auf die Menschen und kommt denen zugut, die an Christus glauben und sein Leben nachahmen. Mit dieser Satisfaktionstheorie bringt A. die Barmherzigkeit und die Gerechtigkeit Gottes in vollen Einklang. Sie wurde von Thomas von Aquin ergänzt und verbessert und ist Gemeingut der Erlösungslehre der kath. Kirche geworden.

Werke: Monologium (Gottes- u. Trinitätslehre); Proslogium; Liber apologeticus contra Gaunilonem (Verteidigung u. Ergänzung des ontolog. Gottesbeweises); philos. Dialoge: De grammatico u. De veritate; dogmat. Schrr.: De libero arbitrio u. De casu diaboli (über den Ursprung des Bösen); De fide trinitatis et incarnatione verbi (gegen Roscelin v. Compiègne); Cur Deus homo (1094 begonnen, 1098 in der Verbannung bei Capua vollendet); De conceptu virginali et originali peccato (behandelt die Frage, wie Gottes Sohn habe Mensch werden können, ohne damit Sünder zu werden); De concordia praescientiae et praedestinationis et gratiae Dei cum libero arbitrio; Homiliae; Meditationes; Orationes; Epistolae. - Ausg. v. Gabriel Gerberon, Paris 1675 (= MPL 158 u. 159); v. Anselm Stolz, 1937; v. Franciscus Salesios Schmitt, 5 Bde., 1946-51. - Leben, Lehre, Werke. Übers., eingel. u. erl. v. Rudolf Allers, 1936. - Myst. Beten, Proslogion u. ausgew. Gebete, übers. u. eingel. v. Alfons Kemmer, Luzern 1949. - F. S. Schmitt, A. v. C. Cur Deus homo. Warum Gott Mensch geworden, lat. u. dt., 1956.

Lit.: Joseph Saenz de Aguirre, Theologia S. Anselmi, 3 Bde., Rom 1689; - Friedrich Rudolf Hasse, A. v. C. I, 1843; II, 1852 (unveränd. Nachdr. 1966); - Domet de Vorges, St. Anselme, Paris 1901; - Grabmann I, 259 ff.; - Seeberg, DG III, 150 ff. 207ff.; - Eadmer, Vita Anselmi archiepiscopi Cantuariae, beschr. v. seinem Schüler u. unzertrennl. Begleiter, übers. v. Günther Müller, 1923; - Wolfram v. den Steinen, Vom hl. Geist des MA. A. v. Bernhard v. Clairvaux, 1926; - Karl Künstle, Ikonogr. der Hll., 1926, 64 f.; - Karl Barth, Fides quaerens intellectum. A.s Beweis der Existenz Gottes im Zusammenhang seines theol. Problems, 1931; - André Wilmart, Auteurs spirituels et textes dévots du Moyen-âge latin, 1932; - J. Clayton, St. A., Milwaukee 1933; - Otto Samuel, Über die Beweisbarkeit der Existenz Gottes. Konsequenzen des anselm. Beweisverfahrens, 1936; - R. T. Jones, Sancti Anselmi Mariologis. Mundelein/Illinois 1937; - Gottlieb Söhngen. Die Einheit der Theol. in A.s Proslogion, 1938; - J. S. Bruder, Mariology of Saint A. of C., Fribourg 1939; - Adolf Kolping, A.s Proslogion-Beweis der Existenz Gottes, 1939; - G. Ceriani, S. Anselmo, Brescia 1946; - J. Springer, Argumentum ontologicum. Existentiële interpretatie, 1947; - Ferdinand Bergenthal. Das Sein, der Ursprung u. das Wort. Der Gottesgedanke des hl. A. Mit dem lat. u. dt. (v. Anselm Stolz) Text des Proslogion, 1949; - Edmund Schlink, A. u. Luther. Eine Stud. über den Glaubensbegriff in A.s Proslogion, in: Welt-Luthertum v. heute. Festschr. f. Anders Nygren, 1950, 269 ff.; - R. Perino, La dottrina Trinitaria di Sant' Anselmo, Rom 1952; - Arthur Michael Landgraf, DG der Frühscholastik I/1, 1952, 37 ff.; - J. Mc Intyre, St. A. and his critics. A re-interpretation of the Cur Deus homo, Edinburgh 1954; - Jörg Erb, Die Wolke der Zeugen II, 1954, 120 ff.; - Ders., Geduld u. Glaube der Hll., 1965, 144; - Friedrich Hauß, Väter der Christenheit I. 1956, 117 f.; - Adolf Schurr, Die Begründung der Philos. durch A. v. C. Eine Erörterung des ontolog. Gottesbeweises, 1966; - Felix Hammer, Genugtuung u. Heil. Absicht, Sinn u. Grenzen der Erlösungslehre A.s v. C., 1967; - LM I, 270 ff.; - Joseph Braun, Tracht u. Attribute der Hll. in der dt. Kunst, 1943, 85; - Otto Wimmer, Hdb. der Namen u. Hll., 19592, 117; - Wattenbach-Holtzmann I, 402. 437 f. 698 f. 766 f. 772. 778. 782. 784: - Überweg II, 192 ff. 698 ff.; - RE I, 562 ff.; XXIII. 65 f.; - EKL I, 129 f.; - RGG I, 397 f.; - DHGE III, 464 ff.; - DThC I, 1327 ff.; - DSp I, 690 ff.; - EC I, 1406 ff.; - LThK I, 592 ff.; - DBN I, 482 ff.

Friedrich Wilhelm Bautz

Werkeergänzung:

1998

The major works. Ed. eith an introd. and notes by Brian Davies. Oxford 1998;

2006

Cur Deus homo. Lat. u. Dt. Besorgt u. übers. von Franciscus Salesius Schmitt. 5. Aufl., Sonderausg. Darmstadt 2006.

Literaturergänzung:

1963

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1978

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1983

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1985

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1986

Karl Schnith, Studien zu d. Konzilien A.s v.C., in: AHC 18.1986, S. 75-90; - Raymund Schwager, Der wunderbare Tausch. München 1986, S. 161-191; -

1987

Benoit Angelet, Idem dicere in corde, et cogitare. Or: what we still can learn from an existential A., in: Aquinas 30.1987, S. 93-108; -

1989

Gillian R. Evans, Anselm, London 1989; - Colin Grant, A.'s argument today, in: JAAR 57.1989, S. 791-806;-

1990

Thomas A. Losoncy, Saint A.'s rejection of the "Ontological argument". A review of the occasion and circumstance, in: ACPQ 64.1990, S. 373-386; -

1992

Gregory Schufreider, A classical misunderstanding of A.'s argument, in: ACPQ 66.1992, S. 489-500;- Thomas A. Losoncy, More on an "elusive" argument, in: ebd. S. 501ff.; -

1996

David Luscombe, Gillian R. Evans (Hg.), Anselm, Aosta, Bec and Canterbury, Sheffield 1996; - Brian P. MacGuire, Education, confession and pious fraud. Jean Gerson and a late medieval change, in: ABR 47.1996, S. 310-338; -

1997

Richard W. Southern, St. Anselm: A Portrait in a Landscape, Cambridge 1997; - Mauricio Beuchot, La hermenéutica dialéctica de San A., in: AnáM 7.1997,2, S. 105-113; -

1998

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1999

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2010

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Webseitenergänzung:

Bernd Goebel, Anselm’s theory of universals reconsidered, in: Insights 2 (2009), http://www.dur.ac.uk/resources/ias/insights/Goebel6May2.pdf.

Hier der Artikel über den Anselm-Übersetzer Franciscus Salesius Schmitt

Letzte Änderung: 05.08.2010