JATHO, Carl, Pfarrer, * 25.9. 1851 in Kassel als Sohn des Pfarrers
Louis J., † 1.3. 1913 in Köln. - Nach dem deutsch-französischen
Krieg, an dem J. als Freiwilliger teilgenommen hatte, studierte er
in Marburg und Leipzig Theologie und war anschließend von 1874-1876
Religionslehrer in Aachen. 1876 heiratete er die aus Soest stammende
Johanna Becker. Aus dieser Ehe gingen 4 Söhne hervor. Von 1876 bis
zu seiner Amtsenthebung im Jahre 1911 war J. Pfarrer. Zunächst bis
1884 in der evangelischen Gemeinde in Bukarest, anschließend in Boppard
und ab 1891 an der Christuskirche in Köln. Seit 1905 erhielt J. wegen
seiner Lehrverkündigung Mahnungen von seiten des Generalsuperintendenten.
Ihm wurde vorgeworfen, Pantheismus zu lehren und die kirchlichen Dogmen
abzulehnen. Der Vorwurf stützte sich vor allem auf J.s 1906 erschienenen
Predigtband. 1910 wurde ein Kirchengesetz »betreffend das Verfahren
bei Beanstandungen der Lehre von Geistlichen« erlassen, auf Grund
dessen J. 1911 seines Amtes enthoben wird. Das Urteil war mit 11:2
Stimmen eindeutig. Nach seiner Amtsenthebung setzte J. seine Predigttätigkeit
außerhalb der Kirche fort und hielt in ganz Deutschland Vorträge.
Zwei Jahre nach seiner Amtsenthebung starb J. im Alter von 62 Jahren.
- C. J. war ein Pfarrer, der durch seine Predigttätigkeit überzeugte
und regen Zulauf erhielt. Sein Verhältnis zur Tradition und Dogmatik
war von Skepsis gekennzeichnet. Für ihn stand die Entfaltung der Persönlichkeit
als Ziel des christlichen Glaubens im Vordergrund. Seine "undogmatisch-mystische"
Theologie stellt einen Versuch dar, auf die spezifische Situation
des neuzeitlichen Menschen einzugehen.
Werke: Predigten, (1904) 1914
7; Persönliche Rel.
Predigten NF, (1905) 1911
3; Welche Bedeutung hat f. uns das
Abendmahl?, in: Praktische Fagen des modernen Christentums, (1907)
1909
2; Fröhlicher Glaube, (1910) 1911
4; Zur Freiheit
seid ihr berufen. Saalpredigten, 1913; Der ewig kommende Gott, 1913
4;
Briefe, hrsg. v. C. O. J., 1913.
Lit.: Fr. Wiegand, Kirchl. Bewegungen der Ggw. I, 1908,
1 ff.; - Aktenstücke z. Fall J., 7. Jh., 1911; - A. Bonus,
Wider die Irrlehre des OKR, 1911; - M. Rade, J. u. Harnack. Ihr
Briefwechsel, 1911; - G. v. Rohden, Der Kölner Kirchenstreit,
P. J.s Amtsenthebung im Lichte der öff. Meinung, 1911; - G. Traub,
Staatschristentum u. Volkskirche, 1911; - A. v. Zahn-Harnack,
Adolf v. Harnack, (1936) 19512, 303 ff.; - H. Hermelink,
C. J., in: Lb. aus Kurhessen u. Waldeck IV, 1950; - Hermelink
III, 571 ff.; - Johannes Rathje, Die Welt des freien Prot., 1952,
179 ff.; - Kirche, Recht u. Theol. in vier Jahrzehnten. Der Briefwechsel
der Brüder Theodor u. Julius Kaftan, hrsg. u. kommentiert v. Walter
Göbell, 2 Bde., 1967; - Dietrich Keller, C. J., Pr. der Liebe
u. der Lebensfreude, in: Monatshh. f. ev. KG des Rheinlandes 28, 1979,
217-238; - Ders., Verantwortung der Kirche f. rechte Verkündigung,
1972; - A. Stein, Ev. Lehrordnung als Frage kirchenrechtlicher
Verfahrensgestaltung, in: ZevKR 19, 1974, 253 ff.; - Wolfgang
Huber, Die Schwierigkeit ev. Lehrbeanstandung. Eine hist. Erinnerung
aus aktuellem Anlaß, in: EvTh 40, 1980, 517-536; - Thomas Hübner,
Der Maler Franz Wilhelm Seiwert u. die Kölner Familie J., in: Monatshh.
f. ev. KG des Rheinlandes 31, 1982, 239-260; - CKL I, 914 f.;
- RGG III, 550 f.; - NDB X, 366 f.
Bernd Wildermuth
Literaturergänzung:
Thomas Martin Schneider, Der Fall J.: Opfer oder Irrlehrer?, in: KuD 54.2008, S. 78-97.
Letzte Änderung: 09.04.2011