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Band XXII (2003)Spalten 887-890 Erik Lehnert

NEBEL, Gerhard, Lehrer und Schriftsteller, * 26. September 1903 in Dessau, † 23. September 1974 in Stuttgart. - N. wuchs als mittlerer von drei Söhnen eines Volksschullehrers in Dessau auf. Nach dem frühen Tod beider Eltern zog er 1918 zu seinem älteren Bruder nach Koblenz, wo er das Gymnasium besuchte und zu Ostern 1922 das Zeugnis der Reife erhielt. Da er mittellos war, arbeitete er zunächst als Journalist und gab Nachhilfeunterricht. Von 1923 bis 1927 studierte er in Freiburg, Marburg und Heidelberg Philosophie und Altphilologie u.a. bei Heidegger und Jaspers mit dem Berufsziel Studienrat. Er wurde in Heidelberg bei dem Altphilologen Ernst Hoffmann zum Thema "Plotins Kategorien der intelligiblen Welt" promoviert. Nach dem ersten Staatsexamen war er Referendar an Gymnasien in Köln und Düsseldorf und legte anschließend sein zweites Staatsexamen in Bonn ab. Nach Vertretungen u.a. in Essen wurde N. wegen sozialistischer Agitation vom Schuldienst suspendiert. Nach Austritt aus der SPD wegen des sog. Papenstreichs im Juli 1932 beteiligte er sich an der Gründung der SAP in Köln. 1933 unterrichtete er zunächst als Studienassessor in Prüm (Eifel). Nach einem Jahr wurde er entlassen und trat eine Reise nach Ägypten an, wo er sich als Hauslehrer betätigte. Nach der Rückkehr wieder Vertretungen an verschiedenen Gymnasien und schließlich Studienrat in Köln. 1938/39 unternahm er eine Reise nach Ostafrika. Die dortigen Erlebnisse bildeten zusammen mit einigen Aufsätzen zu Ernst Jünger und zur Stoa die Grundlage für sein erstes Buch "Feuer und Wasser", das 1939 erschien. Nachdem er wieder als Lehrer gearbeitet hatte, folgte im April 1941 die Einberufung zur Luftwaffe. Nach Grundausbildung Versetzung als Dolmetscher zur Luftflotte 3 nach Paris. Hier begegnete er u.a. Ernst Jünger bei der "Georgs-Runde". Wegen des Aufsatzes "Auf dem Fliegerhorst", in dem er die Luftwaffe mit Insekten vergleicht, wurde er denunziert und 1942 auf die Kanalinsel Alderney als Bausoldat zu einer Strafkompanie versetzt. Danach Flaksoldat in Dortmund und schließlich bis zum Kriegsende als Dolmetscher in Italien. Nach dem Krieg veröffentlichte er seine Kriegstagebücher, die ihm 1950 den Kunstpreis der Stadt Wuppertal einbrachten. Es erschienen mit den Büchern "Von den Elementen" und "Tyrannis und Freiheit" Essays, in denen Nebel sein eigenes Verhalten und das der Deutschen während der NS-Zeit zu deuten sucht. Er war Mitbegründer der Gesellschaft "Der Bund" in Wuppertal, die mit Unterstützung der Stadt philosophische Seminare organisierte. Freundschaft mit Ernst Jünger, Erhart Kästner und Carl Schmitt. 1955 wurde er wegen eines kriegsbedingten Nierenleidens vom Schuldienst pensioniert und lebte seitdem als freier Schriftsteller in Süddeutschland. Europa und Nordafrika waren weiterhin das Ziel seiner Reisen. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, das letzte war "Hamann" (1973), und unzählige Beträge und Aufsätze, die u.a. in der FAZ, den Neuen Deutschen Heften, im Merian sowie in Christ und Welt erschienen. Im Mittelpunkt stehen Reisebeschreibungen sowie Deutungen der Antike. - Das Frühwerk von N. bis zum Krieg einschließlich dessen Verarbeitung in Tagbuch und Essay ist bestimmt durch die Lektüre der Schriften Ernst Jüngers. Dadurch erst fühlte sich Nebel zum eigenen Schreiben berufen. So ist ein nicht unbeträchtlicher Teil der Veröffentlichungen bis 1949 Jünger gewidmet. N. deutet Jünger als einen der wichtigsten Denker der Gegenwart, ohne ihm kritiklos zu folgen. Parallel dazu beginnt die Beschäftigung mit Afrika, die sich über einen Zeitraum von 20 Jahren hinzieht und wesentlichen Wandlungen unterworfen ist. Betreibt Nebel in den dreißiger Jahren noch eine Apologie des Kolonialismus, so wandeln sich seine Ansichten darüber nach dem Erlebnis des Nationalsozialismus und seiner Bekehrung zum Christentum nach dem Zweiten Weltkrieg. So kommt N. zu seinem denkerischen Hauptanliegen: die Deutung der Antike, in allen ihren Ausformungen wie Mythos, Tragödie und Philosophie, auf der Grundlage des christlichen Glaubens. Er eignet sich auf diese Weise fast die gesamte griechische Geistesgeschichte an: von Homer über Pindar, die Tragödien, die Vorsokratiker, Sokrates, Platon bis hin zur Stoa. Dabei kommt er zu erstaunlichen Einsichten, die von der Fachwelt nicht nachvollzogen werden konnten, da er keine wissenschaftliche Methode anwandte. N. war vielmehr davon überzeugt, daß man ein Werk nacherleben müsse, um es verstehen zu können. Das Werk eines Denkers oder Dichters ist ein "Ereignis", in dem innerhalb der Welt des Alltags, bei N. Realität, das Wirken Gottes, die Wirklichkeit, nachvollzogen werde. In einigen Elementen des antiken Mythos, insbesondere bei Pindar und den Tragödien des Sophokles, sieht er eine Art Voroffenbarung, die auf den Gott weist, der sich bereits in Israel und schließlich in Christus zeigt. In seinen zeitkritischen Essays positioniert er sich als protestantischer Christ und pessimistischer Kritiker der Gegenwart, der dem Zeitgeist den Spiegel vorhält.

Werke: Plotins Kategorien der intelligiblen Welt. Ein Beitrag zur Geschichte der Idee, Tübingen 1929 (= Heidelberger Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte; 18); Feuer und Wasser, Hamburg 1939 (2. veränderte Auflage 1941); Vom Geist der Savanne, Hamburg 1941 (= Hanseaten-Bücherei); Von den Elementen. Essays, Wuppertal 1947; Vom Sinn des Buches. Vortrag zur Eröffnung der Wuppertaler Buchhandlung, 12. April 1947, Wuppertal 1947; Tyrannis und Freiheit, Düsseldorf 1947; Bei den nördlichen Hesperiden. Tagebuch aus dem Jahre 1942, Wuppertal 1948; Ernst Jünger und das Schicksal des Menschen, Wuppertal 1948 (= Schriften zur Zeit); An der Mosel, Wuppertal 1948; Griechischer Ursprung, Bd. 1, Wuppertal 1948; Auf ausonischer Erde. Latium und Abruzzen, Wuppertal 1949; Ernst Jünger. Abenteuer des Geistes, Wuppertal 1949; Unter Partisanen und Kreuzfahrern, Stuttgart 1950; Weltangst und Götterzorn. Eine Deutung der griechischen Tragödie, Stuttgart 1951; Die Reise nach Tuggurt, Stuttgart 1952; Das Ereignis des Schönen, Stuttgart 1953; Phäakische Inseln. Eine Reise zum kanarischen Archipel, Stuttgart 1954; Feuer und Wasser. Ostafrikanische Bilder und Erinnerungen, Stuttgart 1955; Die Not der Götter. Welt und Mythos der Germanen, Hamburg 1957; An den Säulen des Herakles. Andalusische und marokkanische Begegnungen, Hamburg 1957; Orchideen. 24 Tafeln von F.X.Brunner, Gütersloh 1958 (= Das kleine Buch; 115); Homer, Stuttgart 1959; Pindar und die Delphik, Stuttgart 1961; Orte und Feste. Zwischen Elm und Esterel, Hamburg 1962; Hinter dem Walde. 16 Lektionen für Zeitgenossen, Hamburg 1964; Zeit und Zeiten, Stuttgart 1965; Liebe auf den ersten Blick. Ein Besuch in Münster, Münster 1966; Portugiesische Tage, Hamburg 1966; Die Geburt der Philosophie, Stuttgart 1967; Meergeborenes Land. Griechische Reisen, Hamburg 1968; Flug über Rhein und Reben. Rhein, Pfalz, Saar, Mosel, Nahe, Ahr, Braunschweig 1968; Sokrates, Stuttgart 1969; Sprung von des Tigers Rücken, Stuttgart 1970 (= Scheidewege Beiheft; 3); Hamann, Stuttgart 1973; Schmerz des Vermissens. Essays, ausgewählt von Gerald Zschorsch. Mit einem Nachwort von Sebastian Kleinschmidt, Stuttgart 2000; Erik Lehnert: Gerhard Nebel. Ein Autorenportrait zum 100. Geburtstag, in: Sezession 2003, Heft 2, 2-7.

Lit.: Ulrich Fröschle / Volker Haase: Friedrich Georg Jünger und Gerhard Nebel, in: Jünger, Friedrich Georg: "Inmitten dieser Welt der Zerstörung" Briefwechsel mit Rudolf Schlichter, Ernst Niekisch und Gerhard Nebel. Mit Einleitungen und Kommentaren herausgegeben von Ulrich Fröschle und Volker Haase, Stuttgart 2001, 157-172; - Annette Rink: Satyr, doch kein Sokrates: Gerhard Nebel, in: ZRGG 53 (2001), 348-355; - Sebastian Kleinschmidt: Trotz gegen den Lauf der Welt. Erinnerung an Gerhard Nebel, in: IZfPh 2000, Heft 2, 298-303; - Heidrun Ehrke-Rotermund / Erwin Rotermund: Zwischenreiche und Gegenwelten. Texte und Vorstudien zur 'Verdeckten Schreibweise' im Dritten Reich, München 1999, 547-561; - Claudia Sajak: Vom Mythos zum Christentum. Zum Werk Gerhard Nebels, ungedr. Magisterarbeit Universität Hannover 1999, 69 S.; - Franz Lennartz: Gerhard Nebel, in: ders.: Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts im Spiegel der Kritik Bd. 2, Stuttgart 1984, 1273-1276; - Vilma Sturm: In der Planetenbahn. Erinnerungen an G. Nebel und E. Kästner, in: Scheidewege 10 (1980), 367-371; - Hein A.J. Tempelman: Gerhard Nebel, in: Golfslag. Kultureel Periodiek 3 (1949), 103-118; - Armin Mohler: Gerhard Nebel und der Wuppertaler "Bund", in: NSR 16 (1948/49), 692-695.

Erik Lehnert

Literaturergänzung:

Gregor Streim, Das Ende d. Anthropozentrismus. Anthropologie u. Geschichtskritik in d. dt. Literatur zwischen 1930 u. 1950. Berlin 2008.

Letzte Änderung: 05.09.2008