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Band VII. (1994) Spalten 250-253 Autor: Karl Dienst

PESTALOZZI, Johann Heinrich, Pädagoge, * 12.1. 1746 in Zürich als Sohn des Chirurgen Johann Baptist P. (1718-1751) und seiner Ehefrau Susanne, geb. Hotz (1720-1796), † 17.2. 1827 in Brugg, begraben in Birr. Sein Großvater Andreas P. (1692-1769) war ref. Pfarrer in Höngg. P. heiratete am 2. (oder 30.) 10. 1769 die Zürcher Kaufmannstochter Anna Schultheß (* 1738, † Dezember 1815) in Gebistorf bei Brugg. Am 19.8. 1770 wurde Hans Jakob P. geboren († 1801). - P. besuchte von 1751-1765 die Elementarschule, die Lateinschule und das Collegium Carolinum in Zürich, wo ihn der Aufklärer Johann Jakob Bodmer (1698-1783) beeinflußte. Rousseaus Physiokratismus und seine Liebesbeziehung zu Anna Schultheß führten P. zum vorzeitigen Verlassen des Carolinums und zu einer Landwirtschaftslehre. Ab Februar 1769 bewirtschaftete er (zunächst von Mülligen aus) den (1771 bezogenen) »Neuhof« auf dem Birrfeld bei Brugg. 1774 verwandelte er seinen Hof in eine Armenanstalt, um »armen Kindern... Auferziehung und Arbeit zu geben«. Nach dem Scheitern dieses Versuchs erlebte P. die erste schwere Krise seines Lebens. Daß er sie überstand, verdankte er vor allem dem Basler »Ratsschreiber« Isaak Iselin, der ihm den Weg in die Literatur öffnete. P.s wichtigste Schriften aus dieser Zeit sind: Aufsätze über die Armenanstalt auf dem Neuhofe (1777-1778); Von der Freiheit meiner Vaterstadt (1779); Die Abendstunde eines Einsiedlers (1779-1780); Lienhard und Gertrud (178l-1787), Christoph und Else(1782), Über Gesetzgebung und Kindermord (1780-1783), Lienhard und Gertrud 2(1790-92). - Anfangs begrüßte P. die Französische Revolution; 1792 wurde er mit Schiller, Klopstock u.a. von der Franz. Nationalversammlung zum Ehrenbürger Frankreichs ernannt. Bald erkannte P. jedoch die Ambivalenz dieses Ereignisses, an dessen Ende nicht eine Reformation, sondern eine Diktatur stand (P. schrieb 1793: Ja oder Nein?; 1795: Über Sansculottismus und Christentum; 1797: Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts). Das Übergreifen der Revolutionsbewegung in die Schweiz befreite P. aus seiner Berufslosigkeit. Die neue Regierung betraute ihn mit der Einrichtung eines Waisenhauses im Kloster zu Stans, das aber 1799 wieder geschlossen werden mußte. Da die Regierung aber ein Interesse an P.s »Methode« hatte, ermöglichte sie ihm noch weitere Versuche in Burgdorf (1799). Nach 1800 wurde ihm dort auch ein Schulmeisterseminar erlaubt, so daß P. mit einem kleinen Mitarbeiterkreis die typische Form seiner Erziehungsanstalten (Verbindung von Schule, Pensionat, Schulmeisterseminar und Waisenhaus) ausbilden konnte. Über eine Zwischenlösung in Münchenbuchsee (1804) kam P. 1805 nach Iferten, das bald zu einem »Wallfahrtsort für pädagogisch Interessierte« wurde und z.B. auch auf die preußischen Lehrerseminare einwirkte, bevor dann hausinterne Streitigkeiten (zwischen Johannes Niederer und Joseph Schmid) die Anstalt zerrütteten. Ihre Auflösung erfolgte 1825. P. kehrte 1825 auf den Neuhof zurück. Im »Schwanengesang« (1826) gab er eine letzte Darstellung seiner Elementarbildung. - P. hat die theol.-philosophischen, politischen und gesellschaftlichen Probleme der allgemeinen Kulturkrise des ausgehenden 18.Jh.s eher durch Anteilnahme seines Herzens zu durchdringen versucht; er hat diese Probleme an Leib und Seele erlitten. P. lehnte den Absolutismus ab, war aber kein Revolutionär; er beobachtete kritisch die beginnende Industrialisierung, war aber kein »Physiokrat«. Er hat das Ziel einer umfassenden Volkserziehung und -bildung nie aus den Augen verloren, jedoch mußte er dieses Ziel über die Verbesserung der Unterrichtsmethodik, die später verabsolutiert wurde, angehen: Äußere und innere Anschauung als Fundament; Sprache, Zahl und Form als Elemente der geistigen Bildung; Glaube, Liebe und Gehorsam als Elemente der sittlichen, Bewegung als Element der körperlichen Bildung (vgl.: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, 1801). Die geistesgeschichtlichen Wurzeln seiner »Methode« reichen zurück bis in die Tiefen jener von Platon bis zur Aufklärung durchlaufenden Tradition, derzufolge wahre »Bildung« des Menschen auf dem (in, mit und unter der sinnlichen Wahrnehmung erfolgenden) »Anschauen« der Urform der Dinge beruht. Spätestens Herbart hat daraus eine Methode der Didaktik gemacht, was wohl kaum P.s Intentionen entspricht. - P.s Kritik an Theologie und Kirche ist umfassend, aber es gelang ihm nicht, die christliche Wahrheit, an der er zeitlebens hing, so auszusprechen, daß er davon selber befriedigt gewesen wäre. P. hat in seiner Religiosität das Heil nicht mehr mit der Rechtfertigung im reformatorischen Sinne verbunden; das Theologische wurde ins Anthropologische übersetzt. Auf der anderen Seite hat P. das Religiöse nicht vom Christlichen abgelöst. Seine Anthropologisierung und Ethisierung der Religion bedeuten nicht die Preisgabe transzendenter Ränder des Heils. - P.s größte Bedeutung liegt eher in seiner Wirkungsgeschichte, in der er für unterschiedliche Interessen und Profilierungen in Anspruch genommen wurde und wird. Die Lehrerschaft des 19. Jh.s verehrte den Methodiker, der das Lernen an das Prinzip der Anschauung knüpft, die Reformpädagogen des 20. Jh.s sahen in ihm den Erzieher, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern allen Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden sucht. Religiöse Elemente spielten bei P. eine größere Rolle, als manche Interpretationen es vermuten lassen.

Werke: Ausgaben: Sämtliche Schriften, 15 Bde, 1819-1826; - Sämtl. Werke, hrsg. von L.W.Seyffahrt, 1899-1902; Sämtliche Werke, hrsg. von Artur Buchenau, Eduard Spranger, Hans Stettbacher, 28 Werk- und 13 Briefbände, 1927 ff.; Ausgewählte Schriften, hrsg. von Wilhelm Flitner (1950) 19542; Sämtliche Briefe, hrsg. vom Pestalozzianum und von der Zentralbibliothek in Zürich, 1946 f.

Bibliographie: August Israel, P.-Bibliographie, 3 Bde (= Monumenta Germaniae Paed. 25, 29, 31); Willibald Klinke, P.- Bibliographie, in: Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts 11-13, Berlin 1921-1923; Joh.-G. und Liselotte Klink, P.-Bibliographie 1923-1965, 1968.

Lit.: Friedrich Delekat, J.H.P., (1926) 19683(Lit.); - Käthe Silber, P.- Der Mensch und sein Werk, 1957; - Max Liedtke, J.H.P., in: Klassiker der Pädagogik, hrsg. von Hans Scheuerl, I, 1979, 170-186 (Lit.); - Leonhard Froese, J.H.P., in: Gestalten der Kirchengeschichte, hrsg. von Martin Greschat, VIII, 1983, 383-394 (Lit.); - Karl Dienst, Zur Religiosität P.s, in: ibw-journal 22, 1984, Heft 1, 1-5; - Johannes Gruntz-Stoll (Hrsg.), P.s Erbe-Verteidigung gegen seine Verehrer, 1987; - ADB XXV, 432-461; - EKL2 III, 135 ff.; - RGG3 V,238 ff.; - LThK2 VIII, 313.

Karl Dienst

Werkeergänzung:

2005

Sozialpädagogische Schriften II. Arbeit u. Industrie nach 1800. Mit e. Einl. u. Anm. neu hrsg. von Philipp Gonon. Zürich 2005; La carta de Stans y otros esritos. Selección, estudio preliminar y trad. por José María Quintana Cabanas. Barcelona 2005;

2006

Schriften zur Mütterlichkeit u. Erziehung. Mit e. Einl. u. Anm. neu hrsg. von Petra Korte. Zürich 2006; Sobre la idea de educación elemental. Introd. y trad. por José María Quintana Cabanas. Barcelona 2006;

2008

Schriften zur "Methode". Mit e. Einl. u. Anm. neu hrsg. von Fritz Osterwalder. Zürich 2008;

2009

Schriften zur Franz. Revolution. Mit e. Einl. u. Anm. neu hrsg. von Daniel Tröhler. Zürich 2009; Sämtl. Briefe an J.H.P. Hrsg. von Rebekka Horlacher und Daniel Tröhler. Krit. Ausg. Zürich 1.2009ff.;

2010

Sämtl. Briefe an J.H.P. Hrsg. von Rebekka Horlacher und Daniel Tröhler. Unter Mitarb. von Sandra Aebersold. Krit. Ausg. Bd. 2: 1805 - 1809. Zürich 2010

Literaturnachträge:

1993

P. Stadler, Pestalozzi: geschichtliche Biographie. Bd. 1: Von der alten Ordnung zur Revolution (1746-1797). Zürich 1988. Bd. 2: Von der Umwälzung zur Restauration, Ruhm und Rückschläge (1798-1827) Zürich 1993; -

1996

Oelkers, F. Osterwalder (Hrsg.), Pestalozzi - Umfeld und Rezeption. Studien zur Historisierung einer Legende. Weinheim/Basel 1995; - ders., Pestalozzi - ein pädagogischer Kult (Habilitationsschrift) Weinheim/Basel 1996; - P. Stadler, Pestalozzis Erziehung zur Politik (Festrede) Schweizer Monatshefte, 76. Jg. (1996), H.3, S. 17-22; - J.H. Pestalozzi, Neuhofgeschriften. Ingeleid, vertaald en van commentaar voorzien door Daan Thoomes. Met een `woord vooraf' door prof Jan Dirk Imelman en een `Geleitwort' door Arthur Brühlmeier. Kampen (Kok) 1996; -

2004

Friedemann Lüpke, Pädagog. Provinzen für verwahrloste Kinder u. Jugendliche. E. systemat. vergleichende Studie zu Problemstrukturen d. offenen Anfangs d. Erziehung. D. Beisp. Stans, Junior Republic u. Gorki-Kolonie. Würzburg 2004; -

2005

Peter Ramsauer, "Zieh aus deines Vaters Hause". D. Lebenswanderung d. Pädagogen Johannes Ramsauer im Bannkreis P.s. Oldenburg 2005; -

2006

Ehrenfried S. Steinke, Grundzüge d. Kulturkritik d. jungen P. Frankfurt/M. 2006; - Daniel Tröhler, Republikanismus u. Pädagogik. P. im hist. Kontext. Bad Heilbrunn 2006; - Severin Strasky, Das Sittl. u.d. Andere. J.H.P.s Bild d. Juden u. "Zigeuner". Bern 2006; -

2007

Fritz Osterwalder, Die Pädagogik d. Erinnerungskultur aus pietist. Quelle. Zur Stilisierung H. P.s, in: Gendering tradition. Korb 2007, S. 213-231;-

2008

Daniel Tröhler, J.H.P. Bern 2008; - Goswin Karl Uphues, J.H.P. 1746-1827 befruchtete d. moderne Pädagogik. Zürich 2008.

Letzte Änderung: 19.03.2010