|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
RASPUTIN, Grigori Jefimowitsch, R. wurde etwa 1865 in Prokowskoje im Gouvernement Tobolsk, Sibirien, als Bauernsohn geboren. Er heiratete mit 20 Jahren und hatte bald 3 Kinder. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Fuhrmann. Seit etwa 1890 aber zog er als betender Pilger und bald als Strannik, als wundertätiger Wanderprediger, durch die Weiten des Zarenreiches. Der »Diener Gottes« unterwarf sich aber keiner klösterlichen Disziplin, wenn er auch immer wieder in Klöstern auftauchte. So darf man ihn nicht als »Mönch« bezeichnen, auch wenn ihm bald der Ehrentitel »Staretz« beigelegt wurde. R. wurde von der Sekte der Chlysti beeinflußt, die an die langsame Läuterung des Menschen durch Geschlechtsverkehr mit anschließender Buße glaubten. - Der urwüchsige, riesenhafte R. verband große Intelligenz mit tierhafter Witterung und hemmungslose Liebe zur Musik, zu Tanz und Alkohol. Der Blick seiner blauen, riesigen, blitzenden Augen drang auf den Grund der Seelen. Frauen verfielen ihm völlig. - 1905 zog ihn Bischof Hermogen, Mitglied einer patriotischen Vereinigung, nach St.Petersburg. Am 18. Juli 1907 kam R. in ersten Kontakt zur Zarenfamilie, die den bekannten Wundertäter hatte rufen lassen, weil der Zarewitsch, ein Bluter, im Sterben lag. R. betete inbrünstig und der hinfällige, kleine Thronfolger erholte sich. Der Zar schrieb am 19. Juli 1907 in sein Tagebuch: »Ich habe die Bekanntschaft eines Gottesmannes namens Grigori aus dem Gouvernement Tobolsk gemacht. Durch sein Gebet wurde Alexej vom sicheren Tod gerettet«. Hinfort wurde er geholt, wenn innere Blutungen oder sonstige Nöte eintraten. Bald ließ ihn die völlig von ihm eingenommene Zarin fast jeden Nachmittag holen. Der »gottgesegnete Wundertäter« mit dem ausschweifenden Lebenswandel gewann seit 1908 auch auf die Staatsgeschäfte des Riesenreiches Einfluß. Der dominierende Mann protegierte über die bigotte, seelisch kranke Kaiserin Alexandra Fjodorowna Männer, die ihm völlig ergeben waren. Besonders kümmerte sich R. um die orthodoxe Kirchenleitung. R. nahm gern Geld und verschenkte oft große Summen. Frauen in seiner Gegenwart »sahen aus, als ob sie schmelzen wollten«, wie ein Bericht der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, sagt. - Seine immer zahlreicher werdenden Gegner konnten gegen den urwüchsigen Wüstling nichts ausrichten, da der ziemlich hilflose Zar über ihn als einem vermeintlichen Sprachrohr der Volksseele die Hand hielt. Immerhin stand R. in regem Kontakt mit der Hefe des Volkes. Der heimliche Minister der »kaiserlichen Seele« wurde als »Kaiserlicher Lampenanzünder« in den Hofstaat eingegliedert. Und dennoch liefen beim Zaren ungezählte, genau belegte Berichte über die Ausschweifungen, Orgien und Skandale R.s ein. Auch mehrere Kirchenführer bezeichneten R. als ein lasterhaftes Scheusal und eine Ausgeburt der Hölle - bis sie sich plötzlich in einem einsamen Winkel des Riesenreiches wiederfanden. Weite Teile der Öffentlichkeit nahmen bald Anstoß am wüsten Treiben des Trunkenboldes. Wenn Diplomaten sich beim Zaren gegen den »Bauernkanzler« wandten, erklärte der Kaiser, Väterchen Grigori werde angefeindet, weil ihn die Zarenfamilie liebt. Am 27. August 1910 wurde bei Laternenlicht ein Pistolenattentat auf R. verübt. Dieser sprang wie ein Tier zu der Laterne, löschte sie aus und stürzte sich auf seine fünf Gegner. Zwei Geheimpolizisten, die stets in R.s Nähe waren, retteten ihn. Im Jahre 1911 machte R. eine Wallfahrt nach Jerusalem. In Konstantinopel nahm ihn die türkische Polizei wegen einer Frauengeschichte fest. Der russische Botschafter rettete ihn auf Anweisung des Zaren. Der Kaiserin berichtete der Strannik regelmäßig auf zerknüllten, von Speisen in seinem Reisesack fettig gewordenen Papierfetzen, die auf den Ton gestimmt waren: »Wie wunderbar ist es, auf heiligem Boden zu stehen«. Bald baten 19 Mitglieder der Kaiserfamilie den Zaren, den Lumpen fortzuschicken. Aber der Herrscher meinte: »Der Mann hat ein wundervolles Herz«. Doch vorsichtig versuchte der »Selbstherrscher« auf Distanz zu gehen. Im März 1912 warnte R. daraufhin den Herrscher aller Reußen, ihn jemals zu vergessen. Er werde sonst binnen sechs Monaten seinen Sohn und den Thron verlieren. Am 20. September 1912 glitt der nunmehr achtjährige Thronfolger bei einer Kahnfahrt aus. An seine Knie bildete sich eine riesige Beule. Nach furchtbaren Schmerzen war Alexej ohne Besinnung. Als er einmal aufwachte, sagte er: »Darf ich jetzt sterben, Mutti«. Sofort wurde R. alarmiert, der aber zuhause in Sibirien war. Doch der Strannik sandte ein Telegramm: »Gott hat deine Tränen gesehen und deine Bitten gehört. Habe keine Angst mehr. Dein Sohn wird gesundwerden«. Und so geschah es. Als im Sommer 1914 der Krieg in Sicht war, lag der »Heilige Teufel« gerade an den Folgen eines Mordversuches einer ehemaligen Geliebten, der schönen Prostituierten Gussewa, schwer darnieder: Der Dolch hatte den »Antichrist« genau in der Minute des tödlichen (zweiten) Attentats von Sarajewo am 28. Juni 1914 in den Bauch getroffen. Als Kriegsgegner hätte der Muschik, der Bauer, sich, wie er beteuerte, sonst persönlich beim Zaren gegen die unheilvolle Entwicklung gestemmt. So aber konnte er nur warnend telegraphieren - und das blieb erfolglos. Zu der Folgezeit trat R. beim Zaren für die dringendsten Erfordernisse der schwer unter dem Krieg leidenden Volksmassen ein. Als Kenner des Volkes riet er zu einem Separat-Friedensschluß mit Deutschland. Er sagte: »Dieser ganze Krieg ist ein Unsinn. Der Deutsche ist ein Mensch und unser Bruder. Hat Gott uns nicht geboten, unsere Feinde zu lieben?« R. wurde daraufhin verdächtigt, in deutschem Solde zu stehen, was aber nicht stimmte. Unter dem Ministerpräsidenten Stürmer, ab Januar 1916, ging die tatsächliche Regierungsgewalt in die Hände R.s und seiner Kreaturen über. Am 17./18.12. 1916 wurde R. von Fürst Felix Jussopow, den R. seinen »kleinen Freund« genannt hatte, dem Arzt Lazowert, dem Duma-Abgeordneten Purischkewitsch und dem Großfürsten Dimitri in St.Petersburg mit größter Mühe im Keller des Jussopow-Palastes zu Tode gebracht. Vergiftete Torte und Revolverschüsse genügten nicht. Der urwüchsige Muschik ertrank schließlich gefesselt unter dem Eis der Newa. Als Gründe für die Tat wurden patriotische angegeben Die Mörder wollten Nation und Monarchie durch die Beseitigung des »Schädlings«, des heimlichen Beherrschers Rußlands, retten. Merkwürdigerweise bekannten sich die schnell erkannten Mörder nicht zu ihrer Tat, in die sie den Großfürsten Dimitri hineingezogen hatten, um die kaiserlichen Gegenaktionen abzubremsen, die denn auch entsprechend schwächlich ausfielen, obwohl der Kaiser betonte, niemand, sei er Großfürst oder Bauer, habe das Recht zu töten. Die untröstliche Zarenfamilie ließ die Leiche ihres »Freundes« im Park von Zarskoje Selo beisetzen. Der »heilige Teufel« bekam einen Abschiedsbrief der Kaiserin in die erstarrten Hände: »Mein teurer Märtyrer, erteile mir Deinen Segen, damit er mich auf dem schmerzvollen Wege begleite, den ich hinieden noch zu wandeln habe. Gedenke in Deinen heiligen Gebeten auch im Himmel noch unser! Alexandra«. Die breite Öffentlichkeit begrüßte in ihrer Not den Tod R.s. Nach R.s Tod versank ganz Rußland schnell in »Rasputiza« in schlammiger Wegelosigkeit. 1917 gruben rote Revolutionäre den halbverwesten R. aus und verbrannten den gehaßten »Freund« der Zarin.
Quellen: Grigori Jefimowitsch Rasputin. Meine Gedanken und Betrachtungen. Kurze Beschreibung einer Reise durch die heiligen Stätten und die dabei hervorgerufenen Gedanken über religiöse Gegenstände, Moskau 1911 (russisch); Zar Nikolai II. Tagebuch ed. S. Melgunoff, Berlin 1923.
Lit.: Pierre Gilliard, Le tragique destin de Nicolas II., Paris 1921; - Nikolai Fürst Jewachow, Erinnerungen, München 1923; - Otto von Taube, Rasputin, 2. Auflage 1925; - George Buchanan, Meine Mission in Rußland, Berlin 1926; - Maurice Paléologue, Am Zarenhof während des Weltkrieges, München 1926; - Ders., Alexandra Féodorovna, Impératrice de Russie, Paris 1932; - Anna Wyrubowa, Glanz und Untergang der Romenoffs,Wien 1927; - Felix Fürst Jussopov, Rasputin Ende, 1928 (Rasputins Mörder!); - René Fülöp-Miller, Der Heilige Teufel. Rasputin und die Frauen. Berlin, Wien, Leipzig 1927 (umfassende Darstellung mit wertvollan Abbildungen, z.B. von Rasputins Briefen) Alexander von Rußland, Einst war ich ein Großfürst, Leipzig 1932, bes. S. 271 281 (Schwiegervater des Rasputin-Mörders); - Heinz Liepmann, Rasputin, Hei1iger oder Teufel, Berlin-Schöneberg 1959 (nutzt geschickt die Akten der zaristischen Geheimpolizei); - Constantin de Grünwald, Der letzte Zar, Wien und Berlin 1965.
Nicolaus Heutger
Literaturnachträge:
1994
Fülöp-Miller, René: Der heilige Teufel. Die Wahrheit über Rasputin. Leipzig, 1994; -
1999
Heresch, Elisabeth: Rasputin - das Geheimnis seiner Macht, München 1999; -
2000
Radsinski, Edward: Die Geheimakte Rasputin, München 2000; -
2008
Lichtfreund, Er liebte die Gottesmutter. Norderstedt 2005; - Klaus Mailahn, Der russ. Ödipus. Die erot. Marienverehrung d. G.J.R. München 2008; - Elisabeth Heresch, R. Das Geheimnis seiner Macht. Mit unveröffentl. Dokumenten. München 2008; - Rudolf Kummer, R. Ein Werkzeug okkulter u. mosaist. Kreise zum Sturz d. Zarentums u. zur Vorbereitung d. Bolschewisierung Rußlands. Faksimiledr. d. Ausg. Nürnberg, 1941, 9. Aufl. Viöl/Nordfriesland 2008.
Letzte Änderung: 10.07.2010