REUTER, Hans, evangelischer Theologe, * 13. Juni 1889 in Nörten (Kreis Northeim), † 25. Oktober 1918 in Spandau bei Berlin. - R. wuchs als Sohn eines hannoverschen Landpastors auf. Im zwölften Lebensjahr trat er in das Johanneum in Lüneburg ein, wo er 1908 die Abiturprüfung ablegte. Anschließend studierte er Theologie und Philosophie in Genf und Berlin. Im März 1913 promovierte er mit einer Arbeit über »Kierkegaards religionsphilosophische Gedanken im Verhältnis zu Hegels religionsphilosophischem System« (Leipzig 1914) an der Universität Berlin zum Dr. phil. Zwei Jahre später, im Februar 1915, erwarb er sich, gleichfalls in Berlin, mit einer Untersuchung unter dem Titel »Die Individualität bei Kierkegaard und Schleiermacher« auch den Grad eines Lic. theol. (unveröffentlicht). Im Mai bestand er die erste theologische Prüfung, der im Oktober eine Anstellung als Internatsleiter im Johannesstift in Spandau folgte. Die zweite theologische Prüfung legte er im Juni 1917 ab. R. verheiratete sich im Oktober 1914; im September 1915 wurde ihm und seiner Frau ein Sohn geboren. Mit erheblicher Intensität nahm R. am Berliner Großstadtleben teil. Theater- und Konzertleben, Kunstwesen und Musik begeisterten ihn; die Universität blieb ihm Heimat. Mit Adolf Harnack, seinem theologischen Lehrer, Alois Riehl, Benno Erdmann und Georg Simmel stand er in Verbindung. Einen starken Gegensatz zu der Lebensfreude und Weltoffenheit R.s bildete sein bereits von Kindheit an labiler Gesundheitszustand. Schon als Student hatte R. mit schweren körperlichen Krisen zu kämpfen. Zum Einsatz im Krieg wurde er aus diesem Grunde nicht herangezogen. Soweit sich aus den wenigen vorliegenden Zeugnissen schließen läßt, scheint R. unter einer schweren Tuberkulose gelitten zu haben. Des unausweichlich frühen Todes war er sich bewußt: »[...] ich muß sterben: bald, grad dann, wenn ich zur letzten Reise ansetzen werde, aber wo ich dies schreibe ist das Weh schon fort« (Brief an die Ehefrau vom 7. Juni 1918; zitiert nach: Von Freundschaft, Liebe und Gott. Blätter der Erinnerung an Hans Reuter. Herausgegeben von seinen Freunden, Gotha 1920, 24). Bis in den September 1918 amtierte R. noch, bevor die Krankheit ihn zur Beendigung seiner Tätigkeit zwang. Die letzte Predigt hielt er am 1. September. Sein Tod wurde von einem großen Freundes- und Kollegenkreis beklagt. - Eine religiöse Leitfigur in den grüblerischen und selbstkritischen frühen Entwicklungsjahren war Kierkegaard. An ihm, als dem romantischen Vorkämpfer eines christlichen Individualismus, orientierte sich R. in der Ausbildung seiner eigenen religiös-theologischen Gedankenwelt. Eine wissenschaftliche Frucht dieser Kierkegaard-Begeisterung war neben der philosophischen Doktorarbeit auch die von Edvard Lehmann 1913 herausgegebene, der Sache nach aber maßgeblich von R. bearbeitete Anthologie in der Reihe »Die Klassiker der Religion« (Kierkegaard, Berlin-Schöneberg 1913). Im Mittelpunkt der theologischen sowie der historischen Forschungen R.s stand freilich nicht der dänische Philosoph, sondern Schleiermacher. Zunächst machten sich hier die aktuellen Ereignisse im Kontext des Kriegsausbruches von 1914 in der Themenwahl bemerkbar: Mehrere Studien waren dem Anteil Schleiermachers an der Volkserhebung von 1813 gewidmet. Über Untersuchungen zur Predigt, zur Staatstheorie, zum Begriff der Nation und zur Einschätzung des Krieges, die zum Teil von der Berliner Schleiermacher-Stiftung prämiert wurden, näherte R. sich der bis heute nicht angemessen bearbeiteten politischen Seite in Schleiermachers Wirksamkeit. Eine zusammenfassende Darstellung auf der Grundlage dieser Einzelstudien war ihm nicht mehr möglich. Die theologische Konzeption Schleiermachers thematisierte R. zunächst wiederum wirkungsgeschichtlich. Indem er Schleiermacher und Kierkegaard als Individualitätstheoretiker nebeneinanderstellte, wollte er den zentralen Aspekt in Schleiermachers Bewußtseinstheorie herausarbeiten. Eine Studie über »Schleiermachers Idee des `Gesamtlebens'« (Berlin 1914) ergänzte dieses Forschungsinteresse um die Rekonstruktion eines weiteren zentralen Aspektes in Schleiermachers Frömmigkeitsverständnis. Schleiermacher trat R. dabei immer mehr als die maßgebende theologische Gestalt des neueren Protestantismus hervor. Neben diesen Arbeiten legte R. Untersuchungen zu Luther und zum Persönlichkeitsbegriff vor. Eine Studie unter dem Titel »Der Einfluß Kants und der von ihm ausgehenden deutschen idealistischen Philosophie auf die Männer der Reform- und Erhebungszeit« blieb ebenso Fragment wie die umfangreichen Vorarbeiten für eine Habilitationsschrift. Die erstaunliche Produktivität, die R. in den wenigen Jahren der literarischen Wirksamkeit entfaltete, erwuchs wohl nicht zuletzt aus dem Wissen um die enge Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Lebenszeit. Ein Freund berichtet in einer zum Gedenken zusammengestellten Schrift, daß R. ihm gegenüber wiederholt gesagt habe: »Ich lebe mit doppelter Stärke, denn ich sterbe mit dreißig Jahren« (Von Freundschaft, Liebe und Gott, 42). - Man wird, bekräftigt durch ein ähnlich lautendes Urteil Hermann Mulerts, die Vermutung aussprechen dürfen, daß R., bei länger bemessener Lebensspanne, zu den bedeutenden theologischen Vertretern des Liberalprotestantismus nach 1918 gehört hätte. Auch sein früher Tod markiert, wie schon bei Hermann Süskind (1879-1914) und Otto Lempp (1885-1914), in drastischer Weise die abgebrochene Wirkungsgeschichte der liberaltheologischen Tradition im deutschen Protestantismus des zwanzigsten Jahrhunderts.
Werke: S. Kierkegaards religionsphilosophische Gedanken im Verhältnis zu Hegels religionsphilosophischem System (Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte. Heft 23), Leipzig 1914; Zu Schleiermachers Idee des »Gesamtlebens« (Neue Studien zur Geschichte der Theologie und der Kirche. Einundzwanzigstes Stück), Berlin 1914 [Nachdruck: Aalen 1973]; Das innere Erleben des Kriegs, verdeutlicht an Schleiermachers Kriegspredigten, in: Monatsschrift für Pastoraltheologie XIII (1916/17), 83-90. 129-135; Über den Begriff der Persönlichkeit, in: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik 163 (1917), 190-207; Schleiermachers Stellung zum Kriege, in: Theologische Studien und Kritiken 90 (1917), 30-80; Schleiermachers Stellung zur Idee der Nation und des nationalen Staates, in: Theologische Studien und Kritiken 91 (1918), 439-504 [Schleiermacher-Sonderheft der Theologischen Studien und Kritiken zum 21. November 1918 (Jahrgang 1918, Heft 4) posthum erschienen]; Über das Dämonische in Luther, in: Protestantenblatt. Wochenschrift für den deutschen Protestantismus 51 (1918), 42-45; Reflexionen über Freundschaft und Liebe. Meiner Frau zur Weihnacht 1917 / Aus Briefen und Aufzeichnungen / Eine Taufrede [zu Joh 1, 16] / Letzte Predigt (1. September 1918) [zu Joh 3, 4] (Aus Reuters Nachlaß), in: Von Freundschaft, Liebe und Gott. Blätter der Erinnerung an Hans Reuter. Herausgegeben von seinen Freunden, Gotha 1920, 1-40.
Lit.: Samuel Eck: Über die Herkunft des Individualitätsgedankens bei Schleiermacher. Programm Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog von Hessen und bei Rhein Ernst Ludwig zum 26. August 1908 gewidmet von Rektor und Senat der Landesuniversität, Gießen 1908; - Kierkegaard. Herausgegeben von Edvard Lehmann (Die Klassiker der Religion. Band 8 und 9), Berlin-Schöneberg 1913; - Von Freundschaft, Liebe und Gott. Blätter der Erinnerung an Hans Reuter. Herausgegeben von seinen Freunden, Gotha 1920 (darin u.a.: Edvard Lehmann-Lund: Reuters innerer Werdegang, 43-47; Hermann Mulert: Reuter als Wissenschaftler, 47-56; Friedrich Mahling: Rede bei der Beerdigung von Lic. theol. Dr. phil. Hans Reuter, auf dem Friedhof in Spandau am 31. Oktober 1918, 57-62); - Horst Stephan: Geschichte der evangelischen Theologie seit dem Deutschen Idealismus (Sammlung Töpelmann. Die Theologie im Abriß: Band 9), Berlin 1938. - Für hilfreiche Unterstützung bei diesem Artikel danke ich Frau Professor Joanne Miyang Cho, PhD., New Jersey / USA.