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Band XXXI (2010) Spalten 1160-1163 Autor: Wolfgang Fenske

ROUSSELLE, Erwin, Religionswissenschaftler, Sinologe und Buddhologe, geb. 8. April 1890 in Hanau, gest. 11. Juni 1949 in Eschenlohe. - Rousselle war - neben dem Darmstädter Internisten und Psychotherapeuten Carl Happich - der wichtigste Impulsgeber für die meditative Arbeit der Evangelischen Michaelsbruderschaft, insbesondere ihres Stifters Karl Bernhard Ritter. - Nach dem Studium der Nationalökonomie, Semitistik, Arabistik, Sinologie, Rechtswissenschaft und Philosophie in München, Heidelberg, Freiburg (Breisgau) und Berlin (unter anderem bei Hermann Beckh) wurde Rousselle 1916 mit einer Arbeit über den Tosephta-Traktat Pesachim in Hebraistik und 1921 mit einer Arbeit über "Das Verhältnis der Hanauer Refugiés-Gemeinden zu Stadt und Staat im Laufe der Jahrhunderte" in Rechtswissenschaft promoviert. 1923 erfolgte seine Habilitation an der Allgemeinen Abteilung der Technischen Hochschule Darmstadt mit einer Arbeit über "Vergleichende Philosophie des Morgen- und Abendlandes" (ungedruckt). 1924 wurde Rousselle Lecturer an der Chinesischen Reichsuniversität Peking, 1925 o. Prof. ebd., 1927 Gastprofessor am Tsing Hua College in Peking. 1929 kehrte er nach Deutschland zurück, wo 1930 seine Umhabilitierung für Philosophie und Soziologie an der TH Darmstadt sowie die Berufung zum Direktor des China-Institutes in Frankfurt/Main (Nachfolge Richard Wilhelm) mit Lehrauftrag für Sinologie und Buddhologie erfolgte. 1933 wurde er für Sinologie und Buddhologie in Frankfurt/Main habilitiert, 1935 ebendort zum nb. ao. Prof. ernannt. Im Jahre 1940 wurde ihm auf Betreiben der Nationalsozialisten die Lehrerlaubnis entzogen, 1942 erfolgte seine Absetzung als Direktor des China-Institutes. - Religionswissenschaftlich zielten Rousselles Theoriebildungen auf eine Rekonstruktion der "archaischen Denkform". Jenseits des rationalen Denkens des modernen Menschen gebe es eine Denkschicht, die sowohl rationale wie irrationale Elemente ungesondert umfasse und "eine Art totalen Erlebens" ermögliche. Diese Totalität, die in "primitiven Gesellschaften" ganz selbstverständlich erlebt und gelebt wurde, müsse wiedergewonnnen werden, wenn die Einheit der Wirklichkeit wieder anschaulich werden solle. Eine Möglichkeit hierfür erblickt Rousselle in der Meditation. - Der Prototyp dessen, der diese archaische Denkform repräsentiert und verwirklicht, ist für Rousselle der "priesterliche Mensch". Er wird als "Träger einer Berufung" bewußt vom "Träger eines Berufes" abgehoben. Während es dem modernen Menschen nicht mehr möglich sei, Identifikation und Teilhabe des Subjekts am metaphysischen Objekt zu vollziehen, da sich die moderne Welt hierfür zu sehr atomisiert habe, lebe im Priestertypus noch die "Verbindung von Ich und metaphysischem Du", der Zusammenhang von Gott und Mensch. Der Priester nun sei derjenige, der "jenen Zusammenhang noch ständig besitzt und besondere Kenntnisse und Erlebnistechniken, zuerst vorwiegend kultischer Art" ausgebildet habe, die es auch anderen ermöglichten, am gleichsam paradiesischen Zusammenhang von Gott und Mensch teilzuhaben und von der Individuation zur Totalität zu gelangen. Der Priester erscheine als Mittler. - Aufgrund seiner Teilhabe am Metaphysischen sei der Priester zudem im Besitz magischer Kräfte im Sinne einer "Macht über Menschen und Schicksal". Diese Macht resultiere daraus, daß der Priester "nicht von dieser Welt" sei; zu dieser Welt aber gehöre auch das eigene, empirische Ich. Soweit der Priester also im Metaphysischen verwurzelt und mithin erhaben sei über die empirische Welt, sei er auch von seinem empirischen Ich unabhängig. Diese "Unabhängigkeit vom Schicksal" sei zunächst nur etwas Negatives; zu ihr gehöre jedoch auch die positive Seite, die "aktiv Magie ausstrahlt". Weitere Kennzeichen des Priesters seien Liebe ("als Mittel der Verbindung von Gott und Mensch wie als Ausdruck dieser Verbindung in Welt und Leben") und Weisheit. - Rousselle war Redner (d. h. mit dem Vortragswesen betrautes Mitglied) der christlichen Freimaurerloge "Zum flammenden Schwert" in Darmstadt, der auch Karl Bernhard Ritter und Carl Happich - beide Stifter der Evangelischen Michaelsbruderschaft von 1931 - angehörten. Darüber hinaus war er ein enger Mitarbeiter Hermann Graf Keyserlings in der von diesem begründeten esoterischen Darmstädter "Schule der Weisheit" und führte erste Exerzitien mit den Michaelsbrüdern durch. - Von der rituellen und gestuften Symbolmeditation der Freimaurerei herkommend, empfahl Rousselle den Michaelsbrüdern, die Weihegrade der römisch-katholischen Kirche zu meditieren. Diese Empfehlung wurde von Karl Bernhard Ritter in Form des Meditationsbuches "Der Geistliche Pfad" aufgegriffen, von dem jedoch nur der erste Band mit den niederen Weihen gedruckt (zum internen Gebrauch der Evangelischen Michaelsbruderschaft) erschien. - Im Jahre 1947 - zwei Jahre vor seinem Tod - konvertierte Rousselle von der französisch-reformierten zur römisch-katholischen Kirche: "Die konsequente Linie meiner über drei Jahrzehnte gehenden Entwicklung in religiöser und kirchlicher Beziehung, besonders unter dem Einfluß der christlichen Hochgrade des Schwedischen Ritus der Freimaurerei und im Zusammenhang mit ausgedehnten religionswissenschaftlichen Forschungen hat mich nunmehr zur katholischen Kirche geführt."

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Werke in Auswahl: Rabindranath Tagore. Die Legende der Darmstädter Tagore-Woche (9.-14. Juni 1921), in: Der Weg zur Vollendung 2 (1921), 42-49; Die Bedeutsamkeit der archaischen Denkform, in: Der Weg zur Vollendung 4 (1923), 25-32; Mysterium der Wandlung. Der Weg zur Vollendung in den Weltreligionen, Darmstadt 1923; Vom ökumenischen Typus der Religion, in: Der Weg zur Vollendung 4 (1923), 44-49; Der priesterliche Mensch, in: Der Leuchter. Jahrbuch der Schule der Weisheit 5 (1924), 41-54; Seelische Führung im lebenden Taoismus, in: Eranos-Jahrbuch I (1933), 135-199; Vom Sinn der buddhistischen Bildwerke in China, Darmstadt 1958.

Lit.: Walravens, Hartmut: Erwin Rousselle. Notizen zu Leben und Werk, in: Monumenta Serica 41 (1993), 283-298; - Fenske, Wolfgang: Innerung und Ahmung. Meditation und Liturgie in der hermetischen Theologie Karl Bernhard Ritters, Frankfurt am Main 2009.

Wolfgang Fenske

Letzte Änderung: 09.04.2011