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Band IX (1995)Spalten 506-510 Autor: Hans-Otto Binder

SCHMOLLER, Gustav (1908: von), Nationalökonom, Historiker und Sozialpolitiker, * 24.6. 1838 Heilbronn † 27.6. 1917 Bad Harzburg. - Der aus einer württembergischen Beamtenfamilie kommende S. wurde der führende Kopf der jüngeren historischen Schule der deutschen Nationalökonomie. Schon mit seiner Tübinger Promotion von 1860 verband G.S. Geschichte und Nationalökonomie. Dies blieb seine Stärke und bot zugleich die Möglichkeit zu Angriffen durch die jeweiligen Spezialisten. 1864 wurde er nach Halle berufen, es folgte 1872 der Ruf nach Straßburg und 1882 nach Berlin, wo sich ihm ein breites Wirkungsfeld und großer Einfluß auf Wissenschaft und Politik erschloß. Er war ein Gegner der klassischen Nationalökonomie von Adam Smith und David Ricardo. Durch die historische Betrachtung wollte er das Beobachtungsfeld erweitern und so ein möglichst vollständiges Bild der Volkswirtschaft bekommen. Geschichte war ihm dabei nicht Ziel, sondern Methode, der Gefahr eines Wertrelativismus erlag er jedoch nie, da für ihn die Nationalökonomie eine politisch-moralische Wissenschaft bleiben sollte. Gegen das Dominieren der historischen Betrachtung, die sich durch seinen Einfluß in Deutschland durchsetzte, wandte sich 1884 Carl Menger, der damit den »Methodenstreit« in der Volkswirtschaftslehre auslöste. Gegen S. Festhalten am Praxisbezug der Wissenschaft und ihrer politischen Wirkung, wandte sich 1904 Max Weber in seiner Kritik an wissenschaftlich nicht nachweisbaren Sollenssätzen. Daraus entwickelte sich der lang anhaltende »Werturteilsstreit«. Der dritte schwerwiegende Angriff auf S. kam 1904 von dem Historiker Georg von Below. Auch hier ging es um Grundsätzliches, nämlich um die Abwehr sozialwissenschaftlicher Methoden durch die traditionelle, individualisierende und auf dem Primat des Politischen bestehende Geschichtswissenschaft. Anders als Menger und Weber wollte Below mit seiner Detailkritik auch das Ansehen des Wissenschaftlers S. beeinträchtigen. Dieser hatte nicht die Absicht gehabt, die Geschichtswissenschaft zu verändern oder gar in Frage zu stellen, doch schon mit seiner Arbeit über das Kleingewerbe (1870) hatte er neue Quellen erschlossen und das Feld der Geschichtsforschung erweitert. Das größte Unternehmen, das er in dieser Hinsicht initiierte, war die Edition der Acta Borussica, deren erste Bände über die Seidenindustrie von ihm und Otto Hintze 1892 herausgegeben wurden. - S. wirkte jedoch nicht nur durch seine wissenschaftlichen Leistungen und durch seine Lehre, sondern vor allem als Wissenschaftsorganisator und Sozialpolitiker. 1872 gründete er zusammen mit Lujo Brentano und Adolf Wagner den Verein für Socialpolitik, seit 1878 war er Herausgeber der Staats- und Sozialwissenschaftlichen Forschungen, 1881 begründete er das Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, das nach ihm auch Schmoller-Jahrbuch hieß, 1897 war er Mitbegründer der Internationalen Vereinigung für gewerblichen Arbeiterschutz. Außerdem prägte er den Verein für Geschichte der Mark Brandenburg, dessen Vorsitz er 1899 übernahm, und dessen Zeitschrift »Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte«. Der Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften 1887 folgten zahlreiche Ehrungen aus dem In- und Ausland. Wenn seine wissenschaftliche Leistungen als Nationalökonom und Historiker auch umstritten waren, so ist doch heute unbestritten, daß er durch seine Tätigkeit im Verein für Sozialpolitik ein Wegbereiter des modernen Sozial- und Wohlfahrtsstaats war. Dieser hat nicht nur einen politischen Druck in Richtung auf soziale Reform ausgeübt, sondern mit seinen zahlreichen Monographien und Enqueten die dafür notwendigen Kenntnisse geliefert. Nicht zuletzt deshalb wissen wir heute über die soziale Lage im deutschen Kaiserreich besser Bescheid als über England und Franreich in dieser Zeit.

Werke: Die nationalökonomischen Ansichten in Deutschland während der Reformation, Diss. Tübingen 1860; (anonym) Der französische Handelsvertrag und seine Gegner, 1862; Die Arbeiterfrage, in: Preußische Jahrbücher 14 (1864), 393-424, 523-547, 15 (1865) 32-63; Ethische und ästhetische Kultur, in: Preußische Jahrbücher 16 (1865), 427-448; Zur Geschichte des deutschen Kleingewerbes im 19.Jahrhundert. Statistische und nationalökonomische Untersuchungen, 1870; Über die Resultate der Bevölkerungs- und Moralstatistik, 1871; Die Entwicklung und die Krisis der deutschen Weberei im 19.Jahrhundert, 1873; Der moderne Verkehr im Verhältnis zum wirtschaftlichen, sozialen und sittlichen Fortschritt, 1873; Die Natur des Arbeitsvertrages und der Contraktbruch, in: Schriften des Vereins f. Socialpolitik 7, 1874, 71-123; Straßburgs Blüte und die volkswirtschaftliche Revolution im 13. Jahrhundert, 1875; Straßburg zur Zeit der Zunftkämpfe und die Reform seiner Verfassung und Verwaltung im 15. Jahrhundert, 1875; Über einige Grundfrage des Rechts und der Volkswirtschaft. Ein offenes Sendschreiben an Herrn Prof. Dr.Heinrich von Treitschke, 1875; Die Reform der Gewerbeordnung, 1877; Die Straßburger Tucher- und Weberzunft. Urkunden und Darstellungen nebst Regesten und Glossar. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Weberei und des deutschen Gewerberechts vom 13.-17. Jahrhundert, 1879; Der Übergang Deutschlands zum Schutzzollsystem, 1879; Zur Methodologie der Staats- und Sozialwissenschaften, in: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtschaft 7 (1883); Die preußische Kolonisation des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 32 (1886) 1-43; Zur Literaturgeschichte der Staats- und Sozialwissenschaften, 1888; Über Wesen und Verfassung der großen Unternehmungen, 1889; Zur Sozial- und Gewerbepolitik der Gegenwart (Reden und Aufsätze), 1890; Acta Borussica. Denkmäler der Preußischen Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert, 1892 ff. (1982 abgeschlossen). Das politische Testament Friedrich Wilhelm I. von 1722, 1896; Was verstehen wir unter dem Mittelstand? Hat er im 19.Jahrhundert zu- oder abgenommen? 1897; Wechselnde Theorien und feststehende Wahrheiten im Gebiet der Staats- und Sozialwissenschaften und die heutige Volkswirtschaftslehre, 1897; Die Stummsche Herrenhausrede gegen die Kathedersozialisten (zusammen mit Delbrück und Wagner), 1897; Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte besonders des Preußischen Staates im 17. und 18.Jahrhundert, 1898; Über einige Grundfragen der Sozialpolitik und Volkswirtschaftlehre, 1898; Zu Bismarcks Gedächtnis (zusammen mit Max Lenz u.Erich Marcks), 1899; Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, 2 Teile, 1900 und 1904; Politiker und Nationalökonomen. Eine Sammlung biographischer System- und Charakterdarstellungen (zusammen mit Otto Hintze) 2 Bde., 1900 und 1904; Über das Maschinenzeitalter in seinem Zusammenhang mit dem Volkswohlstand und der sozialen Verfassung der Volkswirtschaft, 1903; Friedrich List als praktischer Volkswirt, 1909; Charakterbilder 2 Bde., 1913; Die soziale Frage. Klassenbildung, Arbeiterfrage, Klassenkampf, 1918; Zwanzig Jahre deutscher Politik 1897-1917 (Aufsätze und Vorträge), 1920; Preußische Verfassungs-, Verwaltungs- und Finanzgeschichte, 1921; Deutsches Städtewesen in älterer Zeit, 1922; Walter Rathenau und Hugo Preuß. Die Staatsmänner des Neuen Deutschland, 1922; Briefwechsel zwischen Wilhelm Roscher und G. S - Wilhelm Stieda. Zwei Beiträge zur Literaturgeschichte der Nationalökonomie von Wilhelm Eduard Biermann, 1922.

Lit.: Carl Menger, Die Irrtümer des Historismus in der deutschen Nationalökonomie, 1884; - Georg von Below, Zur Würdigung der historischen Schule der Nationalökonomie, in: Zeitschrift f. Socialwissenschaft 7 (1904) 145-185, 221-237, 367-391, 451-466, 654-659, 710-716, 787-804; - Max Weber, Die »Objektivität« sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Archiv f. Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 19 (1909), wieder in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wirtschaftslehre 41973, 146-214; - Richard Bahr, S., 1909; - Arthur Spiethoff, S., in: Schmollers Jahrbuch 42 (1918); - Otto Hintze, G.S. Ein Gedenkblatt, in: FBPG 31 (1919), 375-399; - Heinrich Herkner, G.S. als Soziologe, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 118 (1922); - Friedrich Meinecke, Drei Generationen deutscher Gelehrtenpolitik, in: HZ 125 (1922) 248-283; - Joseph Schumpeter, G.v.S. und die Probleme von heute, 1926 in Schmollers Jahrbuch, wieder in: Ders., Dogmengeschichtliche Aufsätze, 1954, 148-199; - Carl Brinkmann, G.S. und die Volkswirtschaftslehre 1937; - Arthur Spiethoff (Hrsg.), G.v.S. und die deutsche geschichtliche Volkswirtschaftslehre. Festgabe zur 100.Wiederkehr seines Geburtstages, 1938; - Fritz Hartung, G.S. und die preußische Geschichtsschreibung, in: Schmollers Jahrbuch 62 (1938) 661-686, Wiederabdruck in: Ders.; Staatsbildende Kräfte der Neuzeit, 1961, 470-496; - Gerhard Ritzel, S. versus Menger. Eine Analyse des Methodenstreits im Hinblick auf den Historismus in der Nationalökonomie, 1950; - Dieter Lindenlaub, Richtungskämpfe im Verein für Sozialpolitik. Wissenschaft und Sozialpolitik im Kaiserreich vornehmlich vom Beginn des »Neuen Kurses« bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1890-1914), 1967; - Reginald Hansen, Der Methodenstreit in den Sozialwissenschaften zwischen G.S. und Karl Menger. Seine wissenschaftshistorische und wissenschaftstheoretische Bedeutung, in: Alwin Diemer (Hrsg.), Beiträge zur Entwicklung der Wissenschaftstheorie im 19.Jahrhundert, 1968, 137-174; - Ulla G. Schäfer, Historische Nationalökonomie und Sozialstatistik als Gesellschaftswissenschaft, 1970; - Pauline R.Anderson, G.v.S., (1942) deutsch in: Deutsche Historiker Bd.2, 1971, 39-65; - Günter Schmölders, G.v.S. Die Wissenschaft von der geschichtlichen Wirklichkeit des Wirtschaftslebens, in: Die Großen der Weltgeschichte, hrsg. von Kurt Fassmann, Bd.11, 1978, 669-681; - Rüdiger vom Bruch, G.S., in: Berlinische Lebensbilder Bd.3: Wissenschaftspolitik in Berlin, hrsg.von Wolfgang Treue und Karlfried Gründer, 1987, 175-193; - Ders., G.S., in: Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, hrsg.von Notker Hammerstein, 1988, 219-238; - Nicholas W.Balabkins, Not by theory alone...The economics of G.v.S. and its legacy to America, 1988; - Karl Kaufhold, G.v.S. (1838-1917) als Historiker, Wirtschafts- und Sozialpolitiker und Nationalökonom, in: Vjschr. f. Sozial-u.Wirtschaftsgesch. 75 (1988) 217-252; - Manfred Schön, G.S. und Max Weber, in: Max Weber und seine Zeitgenossen hrsg.von Wolfgang J.Mommsen u. Wolfgang Schwertker, 1988, 84-97; - G.S. in seiner Zeit: die Entstehung der Sozialwissenschaften in Deutschland und Italien - G.S. e il suo tempo: la nascita delle scienze sociali in Germania e in Italia, hrsg. von Pierangelo Schiera und Friedrich Tenbruck, 1989; - Jürgen G.Backhaus (Hrsg.), G.v.S. und die Probleme von heute, 1993.

Hans-Otto Binder

Werkeergänzung:

Ueber einige Grundfragen d. Rechts u.d. Volkswirthschaft. [Nachdr. d. Ausg. Jena, 1875]. Saarbrücken 2006.

Literaturergänzung:

2006

Symposium "Schmoller's legacy for the 21st century". Ed. by Nils Goldschmidt. Berlin 2006.

Letzte Änderung: 16.12.2008