Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band IX (1995)Spalten 1279-1284 Autor: Barbara Wolf-Dahm

SEDLAG, Anastasius, Bischof von Kulm, * 23.4. 1787 in Dittmerau/Kr. Leobschütz in Oberschlesien, † 23.9. 1856 in Pelplin/Westpreußen. - S. war der älteste Sohn des Lehrers Ambrosius S. und seiner Ehefrau Barbara geb. Muschallek. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Leobschütz nahm er im Oktober 1805 in Breslau das Studium der Philosophie und Theologie auf. Am 16.6. 1810 zum Priester geweiht, absolvierte er seine Kaplansjahre in Falkowitz und Neisse, bevor er im September 1815 die Pfarrei Proskau übernahm. Im darauffolgenden Jahr ernannte ihn Fürstbischof Hohenlohe-Waldenburg-Bartenstein von Breslau außerdem zum Schulinspektor für den Kreis Oppeln. S.s besonderes Talent für die Administration des Schulwesens blieb auch den preußischen Behörden nicht verborgen, so daß er im Januar 1823 das Amt des katholischen Schul- und Konsistorialrats bei der Regierung in Oppeln erhielt. Im November 1824 wechselte S. auf die Pfarrstelle an der Kirche Heilig Kreuz in Oppeln. 1832 wurde er als Ehrendomherr in das Breslauer Domkapitel aufgenommen. Da er es verstand, zwischen kirchlichen und staatlichen Interessen ausgleichend zu wirken, faßte ihn das preußische Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten für die Nachfolge des 1832 verstorbenen Bischofs Mathy (s.d.) von Kulm ins Auge. Allerdings lehnte das Kulmer Domkapitel den auswärtigen, als deutschfreundlich geltenden Regierungskandidaten ab. So veranlaßte das Ministerium zunächst S.s Ehrenpromotion durch die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Breslau im März 1833 sowie die Verleihung eines Kanonikats im Domkapitel zu Pelplin durch den Exekutor der Bulle "De salute animarum" für die preußischen Diözesen, den ermländischen Bischof Joseph von Hohenzollern (s.d.), am 26.3. 1833. Danach beugten sich die Domherren dem Druck der Regierung und wählten am 28.3. 1833 S. einstimmig zum Bischof von Kulm. Papst Gregor XVI. bestätigte die Wahl am 20.1. 1834, König Friedrich Wilhem III. von Preußen gab am 1.3. 1834 sein Plazet. Am 18.5. 1834 empfing S. in Posen die Bischofsweihe aus der Hand des Erzbischofs von Gnesen-Posen, Martin Dunin (s.d.), und reiste dann über Berlin nach Pelplin, wo er am 14.6. 1834 von seiner Diözese Besitz ergriff. Er übernahm ein Jahrzehnte lang vernachlässigtes, verarmtes Bistum, in dem ein eklatanter Priestermangel herrschte und das aufgrund seines hohen Anteils polnischsprachiger Bevölkerung von dem sich anbahnenden Nationalitätenkonflikt in den preußischen Ostprovinzen besonders betroffen war. Tatkräftig ging der neue Oberhirte, der auch die polnische Sprache beherrschte, die Verwaltung seines Sprengels an. Seine erste Sorge galt der Verbesserung der klerikalen Ausbildung sowie der Förderung des geistlichen Nachwuchses. Zu diesem Zweck gründete er 1835 in Pelplin ein Konvikt, das später den Namen "Collegium Marianum" erhielt. Die dort erzogenen Knaben sollten auch die Gottesdienste in der Kathedrale musikalisch gestalten. Zum Domvikar und Domdirigenten berief er den ihm aus Oppeln bekannten Wenzeslaus Maslon. Darüber hinaus warb er noch zahlreiche weitere Geistliche aus Schlesien für die Diözese Kulm an, teils als Professoren für das Pelpliner Priesterseminar, teils für die Gemeindeseelsorge. Diese Aushilfskräfte wurden vom einheimischen Klerus stark angefeindet. Man erblickte in ihrem Wirken ebenso eine Maßnahme zur Germanisierung der westpreußischen Katholiken wie in der Tatsache, daß der Bischof in Übereinstimmung mit den preußischen Behörden Deutsch als Unterrichtssprache durchsetzte. Überhaupt bemühte sich S. um die Hebung der Volksbildung. So versuchte er, die kirchliche Schulaufsicht zu straffen, wodurch er in Konflikt mit der staatlichen Schulbehörde geriet. Auch förderte er die katholischen Gymnasien in Konitz und Kulm. Seit Oktober 1842 erschien in Marienburg, später in Danzig das "Katholische Wochenblatt für Ost- und Westpreußen", dessen Redaktion der Regens des Pelpliner Priesterseminars und enge Vertraute S.s, der ebenfalls aus Schlesien stammende Eduard Herzog, übernahm. Wiederholt ermahnte S. seine Pfarrer, die Predigt und Katechese an den Sonntagen nicht zu vernachlässigen, und ging mit gutem Beispiel voran, indem er in der Kathedrale zu Pelplin häufig selbst die Katechese übernahm. Zu seiner regen Seelsorgetätigkeit gehörten außerdem ausgedehnte Visitationsreisen. 1848 gab er erstmals einen Schematismus des Bistums Kulm heraus, 1850 folgte ein Rituale. In den fünfziger Jahren ließ er von Jesuiten Volksmissionen durchführen, förderte neue Andachten und Bruderschaften. Die Priester verpflichtete er zur Teilnahme an Exerzitien. Alle amtlichen kirchlichen Verlautbarungen erschienen zweisprachig deutsch und polnisch. Im Mischehenstreit stellte sich S. zwar offiziell auf die Seite der Erzbischöfe von Köln und Gnesen-Posen, indem er in einem Hirtenbrief vom 1.9. 1838 seinen Diözesanklerus anwies, gemischtkonfessionelle Paare nur dann zu trauen, wenn sie die katholische Erziehung ihrer Kinder versprachen, behandelte diese Frage aber in der Praxis eher großzügig, weshalb ihm einige Dekane und Pfarrer auf einer 1845 zu diesem Thema einberufenen Konferenz zu große Konzilianz vorwarfen. Umgekehrt polemisierten auch Protestanten gegen die Amtsführung des Kulmer Ordinarius, so z.B. 1841 im "Herold des Glaubens". Dagegen wandten sich Kulmer Geistliche in einer Erklärung vom 5.12. 1841, die in "Höninghaus' Katholischer Kirchenzeitung" 1842 abgedruckt wurde. Neben diesen protestantisch-katholisch bzw. staatskirchenrechtlich verursachten Auseinandersetzungen machte die seit Mitte der vierziger Jahre um sich greifende sektiererische Bewegung des Deutschkatholizismus dem Kulmer Oberhirten zu schaffen. Einer ihrer Führer war der aus Pommerellen stammende Johannes Czerski (s.d.). Von drei offen mit dem Deutschkatholizismus sympathisierenden Priestern seiner Diözese mußte sich S. trennen. Etwa um die gleiche Zeit nahm auch die nationalpolnische Agitation in dem westpreußischen Bistum zu. Sie erreichte im Revolutionsjahr 1848 ihren vorläufigen Höhepunkt. Während S. auf der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche weilte, brach der Widerstand der polnischen Geistlichkeit gegen den angeblich einseitig deutschfreundlichen `Regierungsbischof' offen aus. S. sah sich genötigt, energisch durchzugreifen und beispielsweise die Abhaltung von politischen Versammlungen in Kirchen zu verbieten. Als der Ordinarius im Herbst desselben Jahres an der Würzburger Bischofskonferenz teilnahm, rebellierten Alumnen im Priesterseminar zu Pelplin und forderten unter anderem die Einführung von Vorlesungen in polnischer Sprache. S. ging darauf nicht ein, sondern entließ sechs der Unruhestifter. Daraufhin startete die polnische Presse eine Hetzkampagne gegen den Bischof von Kulm, und sein Metropolit, Erzbischof Leon Przyłuski von Gnesen-Posen, nahm die entlassenen Alumnen im Posener Priesterseminar auf. S. suchte den Konflikt auf einer Diözesansynode zu lösen, die er jedoch bereits im Vorfeld absagen mußte, weil die Gefahr bestand, daß sie zu einem Forum für nationalpolitische polnische Forderungen umfunktioniert würde. So berief er lediglich 1849 die Dekane zu einer Konferenz ein, in deren Folge regelmäßige Dekanatskonferenzen stattfanden, die der Straffung der Administration und in gewisser Weise der Disziplinierung des Diözesanklerus dienten. Der ständige Kampf gegen oppositionelle Kräfte hatte S. zermürbt. Nach langer Krankheit starb er am 23.9. 1856 in Pelplin und wurde in der dortigen Kathedrale beigesetzt. In seinem Testament hatte sich der persönlich bescheidene S. noch einmal als hervorragender Seelsorger erwiesen, indem er sein gesamtes Vermögen für wohltätige Zwecke stiftete und unter anderem das Collegium Marianum in Pelplin großzügig bedachte. - S.s Episkopat gestaltete sich äußerst schwierig. In der Diözese Kulm waren Administration und Seelsorge grundlegend neu zu organisieren. Zwar ging S. diese Aufgabe tatkräftig an, doch erschwerten die Direktiven des absolutistisch-summepiskopalistisch orientierten preußischen Staates einerseits und die nationalpolnisch gesinnte Opposition innerhalb des Diözesanklerus andererseits sein Handeln erheblich. Immer wieder versuchte S., in diesen Konflikten eine vermittelnde Position einzunehmen, was ihm nur zum Teil gelang. Seine pastoralen Reformen waren jedoch von bleibender Bedeutung für das westpreußische Bistum.

Lit.: Anton Eichhorn, Die Ausführung der Bulle "De salute animarum" in den einzelnen Diöcesen des Preußischen Staates durch den Fürstbischof von Ermland, Prinz Joseph von Hohenzollern, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 5, 1874, 1- 130, bes. 112-114; - Carl Peter Woelky, Der Katalog der Bischöfe von Culm, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 6, 1878, 363-441, hier 440 f.; - Romuald Frydrychowicz, Geschichte des Collegium Marianum, 1904; - Alfons Mańkowski, A. S. biskup chełmiński 1787-1856, in: Zapiski Towarzystwa Naukowego w Toruniu 5, 1920/22, Nr. 3/4, 34-70; - Diecezja Chełmińska. Zarys historyczno-statystyczny, 1928, bes. 50; - Paul Panske, Personalien der Mitglieder des Culmer Domkapitels seit der Verlegung des Bischofssitzes nach Pelplin, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 25, 1935, 187-224, 291-335, 579-622, hier 310- 333; - Manfred Laubert, Rückwirkungen des Posener Mischehenkonflikts auf die Provinz Preußen, in: Altpreußische Forschungen 20, 1943, 144-170; - Franciszek Manthey, Schlesische Priester im Dienste der Diözese Kulm, in: Archiv für schlesische Kirchengeschichte 22, 1964, 277-287; - Erich Hoffmann, Theodor von Schön und die Gestaltung der Schule in Westpreußen, 1965; - Helmut Neubach, Der Schlesier A. S., Bischof von Kulm 1834-56, in: Westpreußen-Jahrbuch 17, 1967, 77-82; - Eugeniusz Myczka, Z dziejów walki o wiarę i polskość pod zaborem pruskim - "Dialog" biskupa S. z katolikami polskimi, in: Studia Gdańskie 1, 1973, 119-144; - ADB XXXIII, 527 f.; - Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803-1945. Ein biogr. Lexikon, hrsg. v. Erwin Gatz, 1983, 694-696.

Barbara Wolf-Dahm

Letzte Änderung: 12.08.2010