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Verlag Traugott Bautz
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WILBERFORCE, William, britischer Politiker und Philanthrop, evangelikaler Christ und Vorkämpfer für die Abschaffung der Sklaverei, * 24.8. 1759 in Hull/Yorkshire, + 29.7. 1833 in London. - Entstammte einer alteingesessenen Landbesitzerfamilie in Yorkshire. Die Vorfahren waren seit dem 12. Jhd. in dieser Gegend ansässig und leiteten ihren Namen von der Ortschaft Wilberfoss (8 Meilen östl. von York) her. Im 16. Jhd. war ein Zweig der Familie in die Stadt Hull gezogen. Der Vater, Robert W., war im Handel, v.a. mit dem Baltikum, tätig. William war sein einziges Kind. Er starb, als W.W. gerade neun Jahre alt war. Das zarte und meist kränkliche Kind wurde nun bei Tante und Onkel, Hannah und William Wilberforce, großgezogen. Die Tante hatte offenbar einen großen Einfluß auf den jungen W.W. Sie war selbst eines der ersten Mitglieder der »Evangelikalen Bewegung« innerhalb der anglikanischen Kirche geworden und dürfte ihren Neffen stark in diese Richtung beeinflußt haben. Seine Ausbildung erfolgte zunächst an der Hull Grammar School, später - als W.W. mit seinen Pflegeeltern nach London gezogen war, an den Schulen von Putney und Pocklington (wieder bei York), schließlich am St. John's College in Cambridge. Dort war er kein sonderlich hervorragender Student: W.W. war eher den zahlreichen Zerstreuungen des studentischen Lebens zugetan. Er gewann aber durch seine liebenswürdige und hilfsbereite Persönlichkeit einen guten Ruf. Später hat er dann mit Erfolg versucht, durch intensives Eigenstudium seine Bildungslücken aufzufüllen. Die Erbschaft des ansehnlichen Vermögens seines Onkels (1777) verhalf ihm zu finanzieller Unabhängigkeit. Er hatte kein Interesse daran, in die Geschäfte seiner Familie einzusteigen, wandte sich vielmehr - wie es wohlhabende junge Männer seiner Zeit häufiger taten - der Politik zu und bewarb sich um ein Mandat im Abgeordnetenhaus. Während des Studiums schloß er eine lebenslange Freundschaft mit dem späteren Premierminister William Pitt (dem Jüngeren), mit dem er 1783 auch eine Reise durch das vorrevolutionäre Frankreich unternahm. Seit 1780 saß W.W. zusammen mit Pitt für den Wahlkreis Hull im britischen Unterhaus, 1784 wechselte er in den Wahlkreis Yorkshire, 1812 nach Bramber, Sussex. W.W. fühlte sich nie im strengen Sinne parteipolitisch gebunden, blieb aber zeitlebens den politischen Prinzipien seines Freundes Pitt treu. Nachdem er sich zunächst - wohl auch wegen seines Einsatzes für die politische Emanzipation der Katholiken (1813) und der »Dissenters« (der prot.Freikirchen) in Großbritannien - den Ruf eines Radikalen erworben hatte, 1792 war er sogar zum Ehrenbürger des revolutionären Frankreich ernannt worden, wurde er durch die Erfahrungen mit der französischen Revolution zum Konservativen. So unterstützte er 1815 die »Corn Laws« (Steuern auf eingeführtes Getreide) und Maßnahmen der konservativen Regierung gegen die Umtriebe der Arbeiterschaft, andererseits engagierte er sich für Initiativen zur Begrenzung der Arbeitszeit von Kindern. Sozialpolitisch stand er Ideen der Sozialisten um Robert Owen durchaus nahe, bekämpfte sie aber im Parlament wegen ihrer religions- und kirchenfeindlichen Haltung. Schon 1784 war W.W. zum konservativen, evangelikal orientierten Christen geworden. Unter dem Einfluß des evangelikalen Predigers Isaac Milner hatte W.W. ein Bekehrungserlebnis. Milner war einer seiner Lehrer in Cambridge, mit ihm hatte W.W. Europa bereist und das 1745 erschienene programmatische Buch von Philipp Doddridge »The Rise and Progress of Religion in the Soul« gelesen. Die Bekehrung führte zu einem völligen Wandel seiner Lebensführung: W.W. entsagte allen weltlichen Genüssen und Zerstreuungen, führte von nun an ein geradezu asketisches Leben und gab einen großen Teil seines Vermögens für unterschiedlichste sozial-caritative Initiativen, am Ende soll er Mitglied in über einhundert Vereinen und Verbänden gewesen sein. 1797 hatte W.W. Barbara Spooner, Tochter eines reichen Geschäftsmannes aus Birmingham, geheiratet und war dann nach London gezogen. Den wesentlichen Teil seines Lebens widmete W.W. nun dem Kampf gegen den Sklavenhandel im britischen Empire und schließlich gegen die Sklaverei überhaupt. So war er 1787 Mitbegründer der »Society for Effecting the Abolition of the Slave Trade« geworden. Am 12.5.1789 hielt er im Parlament die erste seiner zahllosen Reden gegen den Sklavenhandel. Ein erster Erfolg wurde am 1.5.1807, ein Jahr nach Pitts Tod, erreicht, als das Parlament den Handel mit Sklaven im gesamten Empire verbot (das Gesetz war zwar schon 1804 vom Unterhaus verabschiedet worden, wurde jedoch zweimal vom Oberhaus zurückgewiesen). Von da an wandte sich W.W. mit seinem Einsatz direkt gegen die Sklaverei und forderte zusammen mit Sir Thomas Fowell Buxton (1786-1845) ihre sofortige Aufhebung. 1821 wurde die »Society for the Mitigation and Gradual Abolition of Slavery throughout the British Dominion« (kurz: »Anti-Slavery-« oder auch: »Abolition-Society«) gegründet, deren Vizepräsidentschaft W.W. 1823 übernahm. Allerdings war sein öffentliches Wirken zu diesem Zeitpunkt bereits durch gesundheitliche Probleme stark beeinträchtigt. W.W. mußte sich schließlich völlig aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben zurückziehen: 1825 Aufgabe seines Parlamentssitzes, W.W. zieht nach Hendon Park in der Nähe von Mill Hill, zehn Meilen nördlich des Londoner Zentrums. Sir Buxton übernahm nun die Führung der Kampagne gegen die Sklaverei. Obwohl sich seine gesundheitliche und finanzielle Situation weiter verschlechterte (v.a. durch wirtschaftliche Mißgriffe seines ältesten Sohnes), blieb W.W. auch als Privatmann im Kampf gegen die Sklaverei aktiv. Völlig entkräftet verstarb er schließlich am 29.7. 1833 an den Folgen einer Lungenentzündung. Am 5.8. wurde er in der Westminster Abbey in London beigesetzt. Das große Ziel, die endgültige Abschaffung der Sklaverei, wurde mit dem »Slavery Abolition Act« am 29.8. 1833, einen Monat nach seinem Tod, erreicht. Zur Mitternacht des 31. Juli 1834 erhielten schließlich die über 800.000 Sklaven im gesamten Britischen Empire die Freiheit. - W.W. hatte vier Söhne, von denen einer, Samuel (sein Biograph), anglikanischer Bischof von Oxford wurde. Die drei anderen gerieten unter den Einfluß des Konvertiten und späteren Kardinals John Henry Newman und folgten diesem in die römisch-katholische Kirche. W.W.s Geburtshaus in Hull ist heute ein Museum. - W.W.s Kampf gegen die Sklaverei erwuchs aus seiner christlichen, biblisch orientierten Gesinnung. Der Glaube half ihm, seine ursprünglich sehr aristokratische Haltung zu überwinden in Richtung einer Praxis »wahren Christentums«. W.W. fühlte sich dem »Evangelical Movement« innerhalb der anglikanischen Kirche zugehörig, eine Bewegung, welche für eine biblisch-protestantische Neubelebung eintrat. Stark von Wesley's Methodismus und verschiedenen freikirchlichen Gemeinschaften beeinflußt, war die Bewegung, die den Konservativen nahestand, eine Reaktion auf den um sich greifenden Rationalismus, Skeptizismus und Atheismus. Bei strengem Festhalten an Glaube und Bibel suchte die hauptsächlich von Laien (meist aus der Oberklasse) getragene Bewegung gleichzeitig ein hohes Verantwortungsbewußtsein gegenüber den Mitmenschen und soziales Engagement zu wecken. So versuchten auch W.W. und seine Freunde durch eine persönlich strenge und sozial engagierte Lebensführung den Mitmenschen ein gutes Beispiel gelebten Christseins zu geben. Diese Gruppe, der sich W.W. zugehörig fühlte, wurde je nach Standort bewundernd oder auch etwas spöttisch »die Heiligen« genannt, war aber vor allem unter dem Namen »Clapham Sect« bekannt. Im Londoner Stadtteil Clapham hatte der Bankier Henry Thornton (1760-1815), ein Cousin von W.W., diesen Kreis in seinem Haus versammelt, um verschiedene missionarische und soziale Zwecke (u.a. über die »Church Missionary Society« und die »British and Foreign Bible Society«, zu deren Vorständen auch W.W. gehörte) zu verfolgen. Zu den prominenten Mitgliedern des Kreises gehörten u.a. der örtliche Geistliche John Venn (1759-1813), Thomas Clarkson, Charles Grant, Zachary Macaulay und James Stephen, alle im Kampf gegen die Sklaverei hoch engagiert. W.W. war nach seiner Verheiratung 1797 in das »Clapham House« gezogen. Seit 1801 unterstützte der »Christian Observer« die Ideale des Zirkels auch publizistisch. W.W. und etliche Gesinnungsfreunde waren 1787 Gründer der sog. »Proclamation Society« für die Wahrung der »guten Sitten« und den Kampf gegen Obszönitäten in Veröffentlichungen und im kulturellen Leben, ein Unterfangen, das ihnen allerdings einigen Spott einbrachte (vgl. zeitgenössische Karikaturen). - W.W. war nicht so sehr ein origineller Denker (seine einzige größere Veröffentlichung erlebte aber in kurzer Zeit fünf Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt), jedoch ein eloquenter Redner und respektierter Führer. Im Parlament ergriff er jede sich bietende Möglichkeit, um die Übel und Schrecken des Sklavenhandels darzustellen. Dabei besaß er bei der Verfolgung seiner Ziele diplomatisches Geschick und die Fähigkeit, persönliche Beziehungen in alle Richtungen aufzubauen. Freilich war W.W. ein Kind seiner Zeit: So war er, wie andere Kämpfer gegen die Sklaverei auch, durchaus vehementer Verfechter britischer Handels- und Kolonialinteressen, der etwa von einer raschen Christianisierung Indiens eine feste Bindung dieses Subkontinents an Großbritannien erhoffte. Auch scheint es, daß W.W. erst verhältnismäßig spät (ab etwa 1818) für die volle Emanzipation der Sklaven eintrat. Dennoch müssen seine Leistungen anerkannt werden und seine Reputation als Haupt des Kampfes gegen die Sklaverei bleibt wohl unbeschadet.
Werke: Journey to the Lake District from Cambridge. A Diary, 1779 (ed.by C.E. Wrangham 1983); A Practical View of the Prevailing Religious System of Professed Christians in the Higher and Middle Classes of this Country contrasted with Real Christianity, 1797; dt. Praktische Ansicht des herrschenden Religionssystems vorgeblicher Christen, 1807 (nach der 8. engl. Ausgabe übersetzt von A.L.P. Schröder); Letter on the Abolition of the Slave Trade, 1806; An Appeal to the Religion, Justice and Humanity of the Inhabitants of the British Empire in behalf of the Negro Slaves in the West Indies, 1823; Family Prayers, 1834 (ed.by Robert J.Wilberforce); Correspondence, 1840 (ed.by R.J. and Samuel Wilberforce); The Private Papers of W.W., 1895 (ed. by Anna Wilberforce, Reprint 1968). - Reden: Eine Sammelausgabe von W.W.s Parlamentsreden gibt es bis heute nicht. Sie sind v.a. zu finden in: W. Cobett (ed.), The Parliamentary History of England from the Earliest Period to the Year 1803 (36 vols.), 1806-1820; W. Cobett/T.C. Hansard (eds.), The Parliamentary Debates from the Year 1803 to the Present Time (41 vols.), 1803-1820; John Debrett (ed.), The Parliamentary Register (66 vols.), 1780-1803; The Senator or Clarendon's Parliamentary Reporter (28 vols.), 1790-1801; John A. Woods, A Bibliography of the Parliamentary Debates of Great Britain, 1956; David L. Jones, Debates and Proceedings of the British Parliaments, 1986.
Biographie: Life of William Wilberforce, 5 Bde. 1838 (ed.by R.J. and S. Silberforce), Kurzfassung 1868.
Bibliographie: Leonard Cowie, W.W. - A Bibliography, 1992.
Lit.: J.J. Gurney, Familiar Sketch of Wilberforce, 1838; - James Stephen, Essays in Ecclesiastical Biography, 2 Bde. 1849; - H.M. Wheeler, The Slaves' Champion, 1859; - J.C. Colquhoun, Wilberforce. His Friends ans Times, 1867; - J. Stroughton, W.W., 1880; -Reginald Coupland, Wilberforce, 1923 (2. Aufl. 1945); - G.R. Balleine, A History of the Evangelical Party in the Church of England, 1933; - S.C. Carpenter, Church and People 1789-1889, 1933; - James Silvester, W.W., Christian Liberator: A Centenary Biography, 1934; - Thomas Sheppard, W.W., Emancipator of the Slaves, 1937; - Reginald Coupland, Wilberforce: A Narrative, 1945; - Hans Harbeck, W.W., Der Befreier der Sklaven, 1948; - L.E. Elliott-Binns, The Early Evangelicals: A Religious and Social Study, 1953; - F.K. Brown, Fathers of the Victorians. The Age of Wilberforce, 1961; - Kathleen Heasman, Evangelicals in Action, 1962; - Audrey and Herbert Lawson, The Man Who freed the Slaves. The Story of W.W., 1962; - Oliver Warner, W.W. and his Times, 1962; - Ernest M. Howse, Saints in Politics: The `Clapham Sect' and the Growth of Freedom, 1962; - Reginald Coupland, The British Anti-Slavery Movement, 1964 (Neuveröff.); - D.Newsome, The Parting of Friends. A Study of Wilberforce and Henry Manning, 1966; - Robin Furneaux, W.W., 1974; - M. Cratan/J. Walvin/D. Wright (Eds.), Slavery, Abolition and Emancipation. A Thematic Documentary, 1976; - John Pollock, Wilberforce, 1977; - Christine Bolt/Seymour Drescher (Eds.), Anti-Slavery, Religion and Reform, 1980; - G. Lean, God's Politician: W.W.'s Struggle, 1980; - Michael Weinzierl, Neue Forschungsergebnisse über Sklavenhandel, Sklaverei und Abolitionsbestrebungen im brit. Empire im 18. Jahrhundert, in: Grete Klingenstein (Hrsg.), Europäisierung der Erde?, 1980, 255-271; - James Walvin (Ed.), Slavery and british Society 1776-1846, 1982; - Patrick Cormack, Wilberforce, The Nation's Conscience, 1983; - E.G. Rupp, Religion in England 1688-1791, 1986; - David Bebbington, Evangelicalism in Modern Britain: A History from the 1730's to the 1980's, 1989; - Seymour Drescher, Trends in der Historiographie des Abolitionismus, in: Geschichte und Gesellschaft 16 (1990), 187-211; - Horst Gründer, Welteroberung und Christentum. Ein Handbuch zur Geschichte der Neuzeit, 1992 (bes. 510-512); - Enc.Britannica Vol. XXIII, 1964, 595; - The New Enc.Britannica, Micropaedia Vol. X, 1983, 670; - Bloomsbury Guide to English Literature, 1989, 505/06 u. 1018; - The Cambridge Enc., 1992, 266 u. 1301; - B. Gascoigne, Enc.of Britain 1993, 140 u. 694.
Lothar Bily
Literaturergänzung:
John White, Christian responsibility to reform society. The example of W.W. and the Clapham Sect, in: ERTh 32.2008, S. 166-172.
Letzte Änderung: 20.08.2008